
Sind Menschen eigentlich von Natur aus abgrundtief böse?
Es ist schon komisch: Wenn der Kollege freudestrahlend davon berichtet, wie sein Opa Bernd hundert Euro im Lotto gewonnen hat, schlafen uns vor Langeweile fast die Füße ein. Im besten Fall bringen wir in solchen Fällen noch ein gequältes „Oh, das ist aber toll“ über die Lippen. Erzählt er hingegen davon, dass die Ehefrau des Chefs eine Affäre hat, platzen wir fast vor Neugier und das Interesse steigt ins Unermessliche. Jedes schmerzhafte Detail wollen wir hören, und zwar jedes. „Wie alt ist denn ihr Liebhaber?…Hat er sie beim Sex erwischt?…War er etwa ein Schlappschwanz im Bett und sie hat sich deswegen einen Neuen gesucht?…Ach, die hat den doch eh nur wegen des Geldes geheiratet!“…
Ja, solche Themen bewegen, faszinieren, begeistern uns. Doch warum? Erfreuen wir uns wirklich so sehr am Leid anderer? Suchen wir wirklich zwanghaft nach Argumenten dafür, warum unser eigenes Leben eigentlich doch um so viel besser ist? Ist diese Welt so egoistisch geworden, dass wir uns nicht mehr für andere freuen können, uns dafür aber umso mehr freuen, wenn sie leiden?
Im Journalismus arbeiten so einige Medien nach der Devise „Only bad news are good news“. Aus einem einfachen Grund: Sensationslust. Menschen wollen Katastrophen, Krieg, Blut, Skandale. Wen interessiert schon, dass Ilse Meier eine Kreuzfahrt bei einem Preisausschreiben gewonnen hat? Außer Ilse selbst, niemanden. Was aber mit der Politik? -Interessiert es uns, wenn der Oberbürgermeister hundert Euro an eine Grundschule gespendet hat? Nein. Viel spannender wäre, wenn er sich Millionen von Euro auf ein Konto in Lichtenstein gescheffelt hat. Dann können wir laut aufschreien „Skandal…Schweinehund…Betrüger“.
Aber gut, wenn wir uns schon nicht über die Erfolge von Kollegen oder Menschen, die wir persönlich nicht kennen, freuen können, bleibt die Frage: Wie steht es mit engen Freunden, Verwandten, Bekannten? Was also, wenn mir meine beste Freundin erzählt, dass sie zehn Kilo abgenommen hat. Der erste Gedanke der meisten Frauen: Na toll, dafür sehe ich neben ihr nun mindestens zehn Kilo dicker aus. Freut sich ein Mann immer noch für seinen Busenkumpel, wenn der die heißeste Blondine der Stadt zur Freundin hat. Wohl kaum – zumindest, solange er selbst nicht mindestens die heißeste Brünette an seiner Seite spazieren führt.
Ja, auch ich gestehe: Eine Schlagzeile wie „Auch Paris Hilton hat Orangenhaut“ wird viel eher ein Lächeln auf mein Gesicht zaubern anstatt der Feststellung, dass Heidi Klum auch nach ihrer zweiten Schwangerschaft noch immer makellos schön ist. Der Ex hat seine Neue betrogen, genauso wie er mich damals mit ihr betrogen hat? – Glückshormone pur. Doch warum, warum würden wir manchmal am liebsten einen Freudentanz aufführen, wenn es anderen schlecht geht? Und das auch noch ganz ohne schlechtes Gewissen.
Who knows…vielleicht sind ja wirklich only bad news auch good news. Vielleicht sind Menschen wirklich abgrundtief böse oder vielleicht bin auch nur ich es. Da fällt mir ein: US-Presidentschaftskandidat Barack Obama hat im Wahlkampf gerade 1280 Stimmen auf seiner Seite und ja – ich habe mich ehrlich und von ganzem Herzen für ihn gefreut. Aber vielleicht liegt das ja auch nur darn, dass das bedeutet, dass Hillary Clinton somit 62 Stimmen hinter ihm liegt.
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