Wenn Heimweh zu Fernweh, und die Weite plötzlich zur Enge wird, dann kann es nur daran liegen, dass man sich verliebt hat. Verliebt in die Stadt, die niemals schläft…
Als ich mich mit 19 Jahren entschied, ein Jahr als Au Pair nach New York zu gehen, war meine größte Angst das Heimweh. „Homesickness“ nennen es die Amerikaner. Was wörtlich übersetzt soviel heißt wie „Heimkrankheit“, bescherte mir jedoch einen ganz anderen Virus. Ich bin infiziert – mit dem Fernweh. „Itchy feet“ ist die englische Bezeichnung und das trifft den Nagel auf den Kopf. Einmal die Luft der weiten Welt geschnuppert, will dieses „Jucken in den Füßen“, die innere Unruhe, das Streben nach mehr einfach nicht mehr weichen.
Aus der Enge der Kleinstadt in die Weite der Großstadt? Falsch. Klar, New York City ist groß, nein – es ist riesig. Acht Millionen Einwohner und Skyscrapers, die das Auge kaum fassen kann. Doch New Yorker leben nicht in der Stadt, die niemals schläft, weil sie die Weite lieben. Im Gegenteil: Sie leben dort, weil sie die Enge brauchen, um frei zu sein. Sie lieben das Gefühl, eng umziengelt zu sein – und zwar von schrägen Individuen, hippen Bars und Clubs, Trends, Mode, der Geschäftigkeit von Businessleuten. Das Leben in voller Dosis eben. Es ist der Stress, der sie am Leben hält und das, obwohl sie oft genug darauf schimpfen. Sie hassen die nervigen und langsam laufenden Touristen und doch lieben sie sie. Warum: Weil eben diese Eindringle ihnen das Gefühl geben, etwas besonderes zu sein. Während andere ihr ganzes Leben davon träumen, einmal den Big Apple zu erobern, verbringen New Yorker ihr Dasein in der pulsierenden Metropole. „I am a New Yorker“ – wer in NYC geboren ist, braucht nicht viel mehr um „en vouge“ zu sein. Der Kultstatus kommt mit der Ortsangabe auf dem Pass.
Viele New Yorker erreichen irgendwann den Punkt, dass sie sagen „Ich muss raus hier“. Dann verbringen sie zumeist ein paar Tage bei Freunden oder Familie in New Jersey oder anderswo. Allerdings bleibt es meist auch bei einem Kurztrip. Viel länger würde es ein Vollblut-New-Yorker ohnehin nicht aushalten. Das bemerkt er spätestens dann, wenn ihn die vermeintliche Entspannung plötzlich vollkommen aus der Ruhe bringt. Was ihn nervös macht: Zu viel Raum. Nein, Kleinstädte sind nicht beengt – sie strotzen nur so vor Weite und Raum – Raum für Langeweile, Frust, Uniformität. Wer von der Enge der Kleinstadt spricht, meint nicht die räumlich Begrenzung, sondern die geistige. Die Weite der Großstadt mag zwischen all den Hochhäusern und Millionen von Menschen auf den ersten Blick nicht erkennbar sein. Doch sie ist genau da – in der Vielfältigkeit, den tausend Möglichkeiten, der Aufgeschlossenheit der Menschen.
Innerhalb eines Jahres und vieler weiterer Trips nach Big Apple hat sich die Mentalität der New Yorker auch in meinem Kopf festgesetzt. Es ist die Sucht nach Stress, den tausenden Nationen und Mentalitäten vereint in einer Stadt, die Sucht nach dem pulsierendem Leben. Manchmal fällt es schwer, auf kleinere Ebenen zurückzukehren. So lächerlich erscheint einem plötzlich das Kleinbürgertum, das sich anderorts ach so wichtig nimmt und in einer Stadt wie New York nur belächelt wird.
Es scheint wie eine Krankheit: Wer einmal in New York gewesen ist und es geliebt hat, der wird so schnell nichts vergleichbares finden. Ja, auch New Yorker wollen die Welt sehen – es zieht sie in Metropolen wie Paris, London, Mailand, Prag, sicherlich auch in paradisiche Regionen wie die Bahamas, Australien…Zurückkehren werden sie jedoch immer wieder in ein und die selbe Stadt. Warum: Weil sie ihr Herz dort verloren haben. Auch ich habe mich unsterblich verliebt – in NYC.


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