Chrissi’s World

Ein Penner, der strömende Regen und ich…

Mai 1, 2008 · 2 Kommentare

1Viel zu spät Feierabend gemacht, die Mädels sitzen wahrscheinlich schon an ihren Cocktails nippend in der Bar, während ich bei strömenden Regen versuche, beim Pfützen-Slalom in zehn Zentimeter hohen Highheels möglichst immer noch grazil auszusehen. Und als ob es nicht schon schlimm genug wäre, dass ich meinen Schirm an den fünf Tagen im Jahr, an denen ich ihn tatsächlich bräuchte, nicht dabei habe, liegt da plötzlich auch noch ein Mann auf der Straße. Weit und breit keine Menschenseele…

Schon von Weitem hatte ich es unter meinem Trenchcoat, der nun als Regenplane herhalten musste, erspäht: Ein alter abgemagerter Mann. Mitten auf dem regenüberströmten Bürgersteig hockte er, zusammengekauert, die Hände stützend auf dem dreckigen Asphalt, als sein ausgedürrter Körper plötzlich wie ein Kartenhaus zusammenfiel. Da lag er nun.

“Warum immer ich”, frage ich mich. Ich bin nass, in Eile und meine Schuhe so hoch, dass eher ich es wäre, die jemanden zum Abstützen bräuchte. Außerdem gehöre ich zu den Menschen, die über eine Sozialklaustrophobie verfügen. Ich hasse es, wenn mir fremde Menschen zu nahe kommen – an Supermartkassen zum Beispiel. Es treibt mich schlichtweg in den Wahnsinn, wenn mir die Leute so nah auf die Pelle rücken, dass ich förmlich ihren Atem im Nacken spüre. Ekelhaft. Und nun das! Soll ich diesen Penner – und man verzeihe es mir, aber sein strenger Alkoholgeruch outete ihn unverkennbar als solchen – wirklich anfassen, ihm helfen aufzustehen?

Noch war die letzte Hoffnung, dass er es vielleicht doch alleine schaffen würde, nicht zerronnen. In angemessener Distanz blieb ich stehen und fragte: “Alles in Ordnung bei Ihnen?” Die Antwort war ein wirres Grummeln. “Super Christin! Hast du dir den Mann angeschaut? Die Frage hättest du dir getrost sparen können. Natürlich ist bei ihm gar nichts in Ordnung!”, dachte ich mir. Gut – nächste Frage: “Soll ich einen Krankenwagen rufen?” …”Nein…nein”, ruft der Mann und wedelt mit seinen knochigen Händen. Ok, dann keinen Krankenwagen… Ich lasse eine kurze Pause. Ich wusste, was meine nächste Frage sein müsste. “Kann ich ihnen sonst irgendwie helfen”, überwinde ich mich. Sag es nicht, bitte nicht, bitte sag nicht, dass ich es tun soll…Aber natürlich blieb mir mal wieder nichts erspart. “Ich kann nicht mehr aufstehen, ich komm hier nicht mehr hoch…ich wohn gleich da vorne”, grummelt der Alte mit leiser tiefer Stimme, während er immer wieder in sich zusammenfällt.

Als ich mich dem Häufchen Elend langsam ein paar Schritte nähere und ein junger Mann an mir vorbeiläuft und das Szenario ignoriert, obwohl es offensichtlich ist, dass das, was ich da gerade tue, eigentlich die Aufgabe eines Mannes wäre, wird mir klar: Ich muss da jetzt durch. “Wo genau wohnen Sie denn”, frage ich während ich dem übel riechenden Zeitgenossen meinen Arm reiche und er sich wie ein schwere Getreidesack hineinhängt. “Gleich da vorne, bei der Bäckerei”, antwortet er.

In Kaffeebohnenschritten manövriere ich den Alten durch den Regen in Richtung seiner Haustür, während er verstört in seinen Taschen kramt, auf der Suche nach dem Schlüssel. “Kotz mir jetzt bloß nicht auf mein nagelneues Kleid”, denke ich mir. Endlich angekommen, klirrt es in seinen Händen – dem Himmel sei Dank, er hat den Schlüssel! Von Halluzinationen heimgesucht, kratzt er mit dem Eisen am silbernen Schloss. “Warten Sie, ich mach das!”, sage ich.  Ein weiteres Wunder: Der Schlüssel passt, der Mann scheint tatsächlich hier zu wohnen. Als er das Klacken der sich öffnenden Tür hört, hebt er das erste Mal seinen Kopf und schaut mir mit ungläubiger, dankbarer und erlöster Miene zugleich ins Gesicht – schon fast als wolle er sich das Anlitz seiner “Retterin” merken. Natürlich wird er sich nicht an mich erinnern, wahrscheinlich weiß er spätestens am nächsten Morgen schon gar nicht mehr, wie er nach Hause gekommen ist.  Und ja, auch ich gebe zu – meine Jacke, an der er sich festgekrallt hat, ist sofort in die Waschmaschine gewandert. Dennoch: Irgendwie ist es ein gutes Gefühl, mal das getan zu haben, was kein anderer tun wollte und damit jemandem geholfen zu haben. Ja, auch Tussis haben Herz. ;)

Kategorien: Gesellschaft · Life
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2 Antworten bis hierher ↓

  • paleica // Mai 2, 2008 um 8:26 | Antworten

    ein klassischer fall von ‘gute taten’ (= ich versteh gut wies dir gegangen ist und diese sozialklaustrophobie kenne ich auch bis ins detail. gut geschrieben

  • Lexi1303 // Mai 12, 2008 um 5:54 | Antworten

    Du bist soooo eine gute Seele. Da verzeih ich dir, dass du zu spät gekommen bist:)

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