Trash-TV-Channel RTL zahlt 100.000 Euro für Dieter Bohlens Sprüche, weil die Kommission für Jugendmedienschutz die Kleinen in Gefahr sieht; die Bundesländer finanzieren Fortbildungen zu Medien-Trainern – die sollen dann sowohl Eltern als auch Jugendliche vor den Gefahren von Internet & Co. warnen und anschließend klopfen sich alle gegenseitig kräftig auf die Schultern – wir haben was getan, ohne etwas verändern zu müssen! Bravo!
Der Durchschnitts-Achtjährige hat ein Handy, einen PC inklusive Internet, einen Mp3-Player, zahlreiche Spielekonsolen und ein eigener Fernseher steht auch schon im Kinderzimmer. Neue Medien nennt sich das und damit die Kleinen auch zeitgemäß aufwachsen, sollen sie von alledem selbstverständlich möglichst frühzeitig profitieren. Holzbausteine – Was ist das? Räuber und Gendarme – ein neuer Actionfilm? Schnitzeljagd – neues Angebot bei McDonalds?
„Die Jugend heutzutage…“ – ein Spruch, den ältere Menschen nur allzugerne nutzen, um das allgemeine Unverständnis über den Nachwuchs zum Ausdruck zu bringen. Ja – die Kleinen sind frech, rotzfrech. Doch das waren wir auch. Auch wir haben schon in der 5.Klasse die erste Zigarette ausprobiert – um cool zu sein. Wir haben mal was geklaut – dem Nervenkitzel zuliebe. Und wir haben irgendwann gekifft – weil man eben alles mal probiert haben muss.
Irgendwie waren wir ganz genauso und doch so anders: Wir waren frech, doch wir hatten Respekt vor dem Alter, sind aufgestanden, wenn ein älterer Mensch in die Straßenbahn einstieg. Statt „Alter mach mal!“ hieß es damals noch „Kannst du mal bitte?“. Wir hatten keine Spielekonsolen, wir waren draußen, haben uns auf den Klettergerüsten dieser Welt sämtliche Knochen gebrochen. Fernsehen war langweilig, wenn man doch selbst Kassetten aufnehmen konnte. Taschengeld? Fehlanzeige. Das setzte die unterschiedlichsten Geschäftsideen frei – Singen in der Fußgängerzone, selbstgepflückte Blumensträuße verkaufen. Wohin mit dem Kleingeld? – Der nächste Kaugummiautomat musste dran glauben!
Warum nur war damals alles so anders, wenn doch alles so gleich war? Schließlich hörten auch wir Schimpfwörter, kannten sie alle. Dank Doktor Sommer wussten wir sogar, was es bedeutet „einen geblasen zu bekommen“ noch bevor wir selbst Brüste hatten. Hat uns das verdorben? Nicht wirklich. Wir haben Anstand und ein Unrechtsempfinden, obwohl uns niemand vor den ach so bösen Gefahren des Internets, Fernsehen oder Handys gewarnt hat. Wahrscheinlich hätten wir uns ein Dutzend Gewaltfilme anschauen können – an unserer Persönlichkeit hätte das wohl wenig verändert. Vielmehr hätten wir uns wohl über die Absurdität von Hollywood kaputtgelacht. Der Grund: Unsere Moralvorstellungen haben wir nicht von unseren Eltern – die waren dafür da, uns zu lieben. Doch was richtig und was falsch ist, haben wir einander beigebracht – und zwar ohne Medien-Trainer. Der kleine aber feine Unterschied zwischen heute und damals sind die sozialen Kontakte. Heute ersetzten Handy und Internet die Freunde, das Zusammenleben, die zwischenmenschlichen Beziehungen. Wo bitte bleibt die Kommunikation, die Fähigkeit zur Konfliktbewältigung beim Chatten? Habe ich „keinen Bock“ mehr auf den anderen, schließe ich das Cyber-Fenster.
Jugendclubs, Rüstzeiten, Ferienlager – dort haben wir gelernt, wie das mit dem Zusammenleben funktioniert; was es bedeutet, Kompromisse zu schließen, nicht immer den eigenen Willen durchsetzen zu können und Rücksicht zu nehmen. Wollten wir uns mit Freunden treffen, sind wir vorbeigegangen, haben geklingelt. Anruf per Handy? – Utopie! Es nützt rein gar nichts, die Schimpf-Parolen von einem Dieter Bohlen mit einer Geldbuße zu belegen oder Medien-Trainer zu engagieren, die den Jugendlichen das erklären wollen, was sie längst kennen. Dieses verschwendete Geld sollte endlich einmal sinnvoll investiert werden – nämlich in Jugendclubs, Freizeiteinrichtungen, Hortbetreuung – dort, wo Kinder das Zusammenleben lernen – und zwar voneinander, ohne dass Mama mit dem erhobenen Zeigefinger daneben steht. Und das Geld für Handy & Co. ist einem Fahrrad ohnehin viel besser angelegt.
2 Antworten bis hierher ↓
folienbär // Juli 26, 2008 um 1:59 |
hai chrissi!
super text, wie alles andere auch, was du so schreibst! nun, ich wüsste nicht, was ich zu dem o.g. noch hinzufügen könnte… anyway, einfach weiter so!
Thearcadier // September 28, 2008 um 2:39 |
Das erinnert mich an die Oberstufenzeit auf dem Gymnasium (hab vor 2 Jahren Abi gemacht). Standen wir als 5.-Klässler früher am Schulkiosk in der Schlange hatten wir Respekt vor den Älteren. Als ich in der 13 war, schallte es regelmäßig von unten: Ey Alder mach ma Platz! oder man hat sich einfach vorgedrängt…schon komisch