Chrissi’s World

Es war einmal…

Juli 10, 2008 · Kommentar schreiben

Erinnerungen. Wir tragen sie in unseren Gedanken, ohne zu bemerken wie jeden Tag ein Stück davon verlorengeht. Wirklich bemerkbar macht sich der schleichende Verlust erst dann, wenn wir sie finden – Erinnerungen auf Papier. Nein, nicht Fotos, sondern Tagebücher, kleine Zettelchen, Briefe, im Zeitalter der modernen Technik auch Emails. Genau diese habe ich gefunden – Emails und zwar aus den ersten Tagen und Wochen meiner Zeit als Au Pair in New York. Für alle Mädels, die genau das noch vor sich haben: Get ready for the crazyness!

The American Way

Nach stundenlangem Hin.-und herrutschen von der einen zur anderen Pobacke, defekter Kopfhoererunterhaltung ueber den Wolken, delikatem Essen aus Plastikschachteln, dicken Sicherheitsbeamten mit Computerproblemen, der erneuten Verewigung meines Fingerabdrucks und vier Stunden Verspaetung der kleinen Holpermaschine in Richtung Hotelbett, habe ich es geschafft – ich bin im Land der unbegrenzten Moeglichkeiten (…und hoffe, bald vom Tellerwaescher zum Millionaer aufzusteigen).

Nach vier Tagen erneuten Hin.-und Herrutschens auf beiden Pobacken, stundenlangen Vortraegen darueber, wie man Kinder zum Erbrechen bringt oder ihnen Essensstuecke aus der Luftroehre presst, war es soweit- mein Chauffeur holte mich ab, um mich in mein Schloss zu bringen – nun gut, es war nicht mein Chauffeur (sondern vielmehr der Hausherr), aber er redete ungefaehr ebenso wenig, wie es ein Chaffeur pflegt zu tun.

„How are you?“ (Und immer schoen daran denken – eine wirkliche Antwort auf diese Frage will kein Mensch) „Fine, thank you!“ (Und sag jetzt ja nicht, dass du muede bist!)

„Do you remeber the house?“….“Yes, I do!“

Das zehn Meter hohe und zwanzig Meter lange Fahrgestell faehrt in seine etwa fuenffach so grosse Behausung ein: Zeit auszusteigen! – Wahrlich, ein Schloss! Der Pool mit Sprudel und beheizbarem Wasser bereitet mir grosses Entzuecken, der Blick aus meinem Fenster ebenso.

Doch die Ernuechterung folgt auf den Fuss: Die Prinzessin werde ich hier wohl nicht sein, denn voller Entsetzen muss ich feststellen, dass es bereits eine gibt. Sie ist sehr klein geraten, hat braune lange Haare und ein Laecheln, von dem man sich nicht allzu schnell taeuschen lassen sollte.

Tricks?-Sie kennt sie alle! Und sei dir gewiss – sie wird sie alle anwenden, wenn du neu bist. Faulheit ist ihre groesste Tugend…aber zum Glueck ist da ja so ein neues „Hausmaedchen“ in der Garage eingefahren – die kann das ja machen…und wer zum Teufel koennte es wagen, einer Prinzessin zu verbieten, ihre Sachen jeden Tag aufs Neue mit bunten Stiften zu verzieren oder ihren Hintern in Schokolade zu platzieren?! Die Hosen selber schliessen und die Haare selber kaemmen? Wo kaemen wir denn da hin?!

Welch Glueck, – da stand doch was von kompletter Ruhe, zwei Tage pro Woche! Ruhe? – Vielleicht sollte ich die Definition dieses Wortes doch lieber nochmal im Duden nachschlagen…hab ich da vielleicht den Teil des staendigen Klopfens an meiner Tuer und das Rufen meines Namens im Fuenfsekundentakt ueberlesen? Mag sein, aber in diesem Land wird sowieso alles etwas anders definiert-genauso wie das Wort Tischmanieren. Hier gehoert es wahrscheinlich zum guten Ton, den Mund beim Kauen immer schoen weit offen zu halten, damit sich alle anderen auch davon vergewissern koennen, was man gerade so isst. Nicht zu vergessen natuerlich das laute Schmatzen und gesprochen wird sowieso nur mit vollem Mund. Dank sei dem Herrn, dass auch die kleine Prinzessin, anhand eines perfekten Vorbildes durch ihre Eltern, diese wichtigen Sitten erlernen konnte. Sicher – ganz so laut Schmatzen und Grunzen wie die Grossen kann sie noch nicht, aber auch das wird sie lernen.

Schonmal was von dem Wort playdate gehoert? – Du willst es lieber gar nicht wissen! Das bedeutet naemlich, dass zwei Goeren der Sorte „Heather“ durch das Haus stroemen! Wie oft? Am besten jeden Tag!

Was willst du essen? „Gemuese ist ekelhaft! Lass uns zu McDonalds gehn!“ Zum Fruehstueck? „Einen Donut“ – eigentlich lieber zehn, waeren da nicht die Regeln (Aber warum eigentlich nicht? Wer befolgt schon die Regeln!).Einen Snack? „Chips!“

Lass uns spielen! „Oh ja – das Lehrerspiel!“ Dumm bloss – in diesem Fall kann der Lehrer weder richtig lesen, noch schreiben, aber ein Gehirn wie Albert Einstein hat er natuerlich trotzdem! „Schreib eine Zahl neben das Bild, Schueler!! “ Warum? „Es ist egal, wenn es keinen Sinn macht – das ist richtig so! „

Hast du nicht Lust etwas anderes zu spielen? Das macht mir keinen Spass und ich lasse mich nicht von dir herumkommandieren! „Ok!“, sagt sie. „Du bist ein Schueler, der seine Hausaufgaben nicht versteht, und ich helfe dir dabei.“ Das ist das Gleiche, Heather!(Ich wuenschte, du wuerdest erstmal deine Hausaufgaben verstehen!)

Ich muss raus!Wenigstens einen Tag, wenigstens ein paar Stunden! Etwas gute Luft aus einem Stengel in meine Lunge! Schweden fuehlt mit mir!Also treffe ich mich mit Jane (schwedisches Au Pair aus meinem Hotelzimmer) in der Stadt der Patrioten! NYC! Fahnen ueberall! – an Hunden, Kindern, Maennern, Frauen, ueberall! Ein festlicher Musikzug marschiert durch die Strassen und versperrt uns den Weg zum Central Park!

Wir wollen alles, ganz oder gar nicht, Sekt oder Selters! Also auf: Empire State Building, Broadway, Times Square, Statue of Liberty, Chinatown, Rockefeller Center, Ground Zero (Ich sollte meinen Koran jetzt lieber in der Tasche lassen!), Radio Music Station, das Hilton-Hotel ….. Unsere Blasen an den Fuessen sind fast genauso gross, wie unsere Gluecksgefuehle hier zu sein! Warum wir gekommen sind? Nicht wegen diesen kleinen Nervensaegen (das wissen wir jetzt).

Es geht mir gut….meine Kritikpunkte sind vergleichsweise klein. Jane denkt ueber einen Tausch oder den Weg zurueck ins eigene Land nach. „Ich mag die Familie nicht!“ „Warte noch ein wenig ab, vielleicht wird es besser. Wenn nicht, kannst du immer noch wechseln, aber zurueckfliegen? Jetzt schon?“

Ja, es geht mir gut!

Let`s make art!

Ich oeffne die Klappe des grossen Waeschecontainers, muffige Luft stroemt durch meine Nase. „Schliess mich! Schliess mich!“ sagt mir eine innere Stimme. – Warum eigentlich nicht? – Na weil das Kind dann irgendwann nackt herumlaufen muss und sie dich wegen sexueller Noetigung verklagen. Also – Augen zu und durch!

Nachdem ich jeweils zwei Millimeter der Bremsspurtraeger zwischen die Naegel meines Daumens und meines Zeigefingers geklemmt und sie in hohem Bogen angewidert in die silberne Trommel geschleudert habe, blinken mir mindestens ein dutzend bunte Shirts entgegen – allesamt verziert mit lustig geschwungenen Filzstiftstrichen. Damit wollte sie mir bestimmt eine ganz besondere Freude machen! Ist sie nicht suess? Vielleicht sollte ich ihr mal erklaeren, fuer was der Mensch Papier erfunden hat.

Aber gut – wenn die Amis so auf abstrakte Kunst auf ungewoehnlichem Untergrund stehen – bitteschoen! Achja – und auf Autos stehen sie ja sowieso, also warum nicht beides kombinieren! – Was tut man nicht alles, um das perfekte Au Pair zu sein.

Das Ruder in der Hand, den Antrieb zum Schnurren gebracht und die noetige Motivation durch das laute Kreischen von der Rueckbank, setze ich gekonnt das Hinterteil des silbernen Flitzers gegen die weiss bemalte Kante des Garagentors. Voellig aufgeregt, wie das Resultat wohl geworden ist, gehe ich nach draussen und betrachte mein Kunstwerk. „Naja gut – ob das wohl wirklich so nach deren Geschmack ist?“!

Das kleine Biest inklusive Anhang nehmen an meiner Aus stellung fuer moderne Kunst teil und scheinen sehr erheitert. „My Daddy is going to fire you!“ Nun gut – dann kann ich vorher wenigstens nochmal die Gelegenheit nutzen, dich an deinem linken Ohr durchs gesamte Haus zu schleifen!

Langsam stellt sich mir die Genialitaet meines Einfalls in Frage. Was nun? Natuerlich! – Ich hole mir Rat bei der groessten Kuenstlerin ueberhaupt, denn wer es ein Jahr mit dieser Goere gemeinsam ausgehalten hat, darf sich wohl als solche bezeichnen…

Nachdem sich die Begeisterung der Hausherrin in Grenzen hielt, beschloss ich, das weisse Strichgemaelde mit Nagellackentferner wieder zu beheben. Schade eigentlich…

Aber was sag ich: Die Amis sind und bleiben Kunstbanausen!

Schein oder nicht Schein – das ist keine Frage!

Was ist eigentlich eine Frage? Aneinander gereihte Woerter mit einem Bogen ueber dem Punkt.

Fragen sind bedeutungslos und dienen einzig und allein dem Zweck, um dir eine Anweisung in ein rosarotes Paeckchen mit einer dicken glaenzenden Schleife zu verpacken.

Das breite Grinsen und dieser freudig erregte Ton, in dem sie deinen Namen ruft, und schon weisst du – es ist mal wieder an der Zeit fuer eines dieser Paeckchen, die du viel lieber geschlossen stehen lassen wuerdest.

„Christin – I have great news! (Merke: „Great“ ist niemals great!) Heather is going to this wonderful Zoo on Thursday ( Merke: „wonderful“ ist erst recht niemals wonderful!) – it`s a schooltrip to the Bronx Zoo. They invited all the parents – would you like to join her?“….“Ehm….“ (Hallo? Hab ich irgendwas verpasst? Seit wann bin ich hier die Mama?)

„However, you`re going to take the schoolbus to the Zoo – together with all the other kids. And please make sure Heather has enough for lunch.“ Grossartig – aber danke, dass du gefragt hast! Meine Antwort? – Na klar, haette ich ja gesagt! Wie auch koennte ich meine Freizeit besser verbringen!

Ich darf also in einer dieser gelben Blechbuechsen, umzingelt von kleinen, schreienden Quaelgeistern, durch saemtliche Schlagloecher der Gegend holpern – wenn das mal nicht der schoenste Tag meines Lebens wird!

Und nicht vergessen – immer schoen laecheln!!!

Ach ja – und ich gehe natuerlich davon aus, dass ich mir die Antwort auf meine Fragen demnaechst auch selber geben darf – zum Beispiel wuerde ich gerne wissen, ob ich fuer meine naechste Shoppingtour die Kreditkarte der Familie nutzen kann.

Inmitten von schweiss.-und laermerfuellter Luft frage ich mich, ob es wohl auffallen wuerde, wenn ich Heather gegen eines der niedlichen Kinder eintauschen wuerde. – Einen Versuch waere es eigentlich wert!

Doch ehe ich mich versah und meine Tauschplaene so langsam Gestalt annahmen, stand ich auch schon wieder zusammengepresst wie ein Hot Dog in der Besucherschlange und hatte zwei weitere freche kleine Goeren zur Beaufsichtigung an der Backe…

…Vortsetzung folgt? – In diesem Fall lieber nicht! Ueber Kinder, die deinen Namen rufen, um dir zu zeigen, wie sie all ihren Elan daran legen, um einen am Boden liegenden toten Vogel noch blutiger und flacher zu stampfen, sollte man lieber nicht philosophieren – auch die Psychologie hat ihr Grenzen!

Welch Glueck, dass auch bald schon wieder der Herr und die Dame des Hauses zurueck sind und das Bild der perfekten Familie zelebriert werden kann.

„In dem Alter ist das eben so – da testen die sich aus!“ Und wenn ichs mir so recht ueberlege, hat sie da schon ganz recht – wir waren doch alle mal so, nicht wahr?!

The American way goes on

„Karen is cooking dinner today and we would like you to join us!“. Oh yes, that`s really nice, thank you! (Koennten wir nicht einen zweiten Tisch in ausreichender Entfernung aufstellen? – Eine Schallmauer waere auch ok).

Das Schmatzen und Grunzen der weit geoeffneten Muender nimmt erneut seinen Lauf. Ich sehe, wie sich die faden Kartoffelstuecke, das helle Huehnchenfleisch und die in Kaese getraenkten Blumenkohlrosen langsam zu einem gelben Brei vermengen. ‘Nicht hinschauen, bloss nicht hinschauen!“

Ob dieser riesige Gewuerzkorb in der Kueche wohl ebenso nur Dekoration ist, wie der dicke Weltatlas im Regal? Die Kochstube gleicht einem Schlachtfeld (…und glaubt bloss nicht, dass ich diese Schweinerei beseitige – so gut war das Essen naemlich nicht!).

Ich schleppe meinen prall gefuellten Magen die Treppe hinauf und lasse mich von den gut geoelten Sprungfedern auffangen.

„Daily News“- Meine Ohren und Augen lechzen nach Informationen aus der Ferne…“Christin!-Ich hab dir schon tausendmal gesagt, du sollst aufhoeren, so viel zu traeumen!“…. da muessen schon Baeume aus purem Gold wachsen oder Oelfelder so gross wie zwanzig Fussballfelder aus dem Boden spriessen, bis sich die topgestylten Fernsehhupfdolen verbal auf anderes Territorium begeben.

Die Zeit des Erwachens nimmt jeden Tag aufs neue ihren Lauf, und auch heute will unsere kulinarisch sehr anspruchsvolle Prinzessin versorgt werden. Die Donuts neigen sich dem Ende entgegen, McDonalds gibts nur einmal pro Woche, die Chips sind nur was fuer den hohlen Zahn und auch von der Eiscreme ist nicht mehr viel da.

Also auf in die Shopping Mall, vorbei an all den flachgebuegelten Eichhoernchen, deren Eltern es versaeumt haben, ihren Kindern beizubringen, dass man nicht auf der Strasse spielen sollte.

Die Tore zum Glueck oeffnen sich automatisch.

„Fat free“ – das steht hier so ziemlich ueberall drauf, auf dem oeligen Caramelsirup, ebenso wie auf den bunten Cornflakes und natuerlich hat die rosa Brause, die so schmeckt als haette ich die Haelfte mit Suessstoff aufgefuellt, keinerlei Kalorien.

So macht Essen Spass – kein Fett, keine Brennwerte, und trotzdem wie im Schlaraffenland. Selbstverstaendlich werde ich „Stop & Shop“ auf mehrere Millionen Dollar verklagen, wenn ich am Ende des Jahres nicht mindestens so schlank bin wie Heidi Klum – schliesslich nehme ich praktisch nichts zu mir – hat ja alles keine Kalorien, geschweigedenn Fett!

Das Land der unbegrenzten Moeglichkeiten! Und eben in diesem Land darf man sich auch durchaus darueber wundern, dass Rauchen ungesund ist – sowas sagt einem hier ja keiner! Also lasst uns vor Gericht ziehen! Vielleicht sollte ich mir auch schon mal den passenden Anwalt suchen?

Was mache ich dann wohl mit all dem Geld? Vielleicht sollte ich mir auch ein Haus und zwei Kinder kaufen? Ach halt – da fehlt ja noch der gutverdienende Ehemann! Naja, nachdem ich dann mindestens sechs mal zum Fettabsaugen war, finde ich den auch noch. Das Schmatzen und Grunzen beim ersten gemeinsamen Dinner nur nicht vergessen, dann kann eigentlich nichts mehr schief gehen.

Ein Prosit auf Amerika!

Kategorien: Gesellschaft
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