Auf dem Weg zum Einkaufen, Musik in den Ohren, ein Lächeln im Gesicht. Aus der Ferne sehe ich drei kleine Italiener – und mit klein meine ich wirklich klein – Jungs, schätzungsweise 9 Jahre alt, sie tuscheln, springen aufgeregt umher. Beim Anblick ihrer verschmitzten Gesichter muss ich lachen…bis sie mich schließlich zur alten Schachtel ohne Mann erklären…
„Halt, halt! Ich liebe dich! Willst du mit mir gehen?“, ruft mir der kleine Braunhaarige mit den Rehaugen hinterher und tippt mir auf die Schulter als er mich endlich eingeholt hat. „Du bist schön, du sollst meine Freundin sein!“, sagt er, während die anderen beiden Buben wie Schmetterlinge um mich herumschwirren und sich vor Gelächter kaum nocht halten können. „Aber ich bin doch viel zu alt für dich, Schätzelein! Du findest bestimmt eine ganz süße Freundin in deinem Alter“, antworte ich. „Will ich aber nicht, ich will mit dir gehen“, beharrt er auf seiner Meinung. „Aber der hat noch einen Cousin, der ist 19″, mischen sich seine Freunde ein. „Aber das ist doch immer noch viel zu jung“, erwidere ich. „Wieso, wie alt bist du denn“, fragen sie im Chorgesang. „Ich bin 23″, antworte ich. „Wie??? So alt schon und immer noch keinen Mann?“, sagen sie mit entsetzten Augen und schütteln den Kopf.
Deprimierend! - kleine Jungs halten mich für eine alte Schachtel. Und nicht nur das – sie halten mich für eine alte Schachtel ohne Mann. In ihren Augen schimmerte das Bedauern und obwohl sie nicht viel mehr sagten, konnte ich doch genau hören, was sie dachten: „Also wenn du jetzt noch keinen hast, dann wird das nie was!“ Ich weiß, dass es albern ist – ich bin 23, die normalste Zeit, das normalste Alter, um immer noch Single zu sein. Und doch gab es mir zu denken. Schließlich waren die Generationen unserer Mütter mit 23 höchstwahrscheinlich schon verheiratet, fest vergeben zumindest. Viele von ihnen hatten bereits Kinder, der Bausparvertrag für das idyllische Eigenheim war angelegt.
Inzwischen hatte sich alles verändert. Frauen, die erstmals mit 40 an eigene Kinder denken, sind heute nichts Außergewöhnliches mehr. Auch das Single-Dasein war spätestens seit „Sex and the City“ verdammt cool und wer will schon ein Eigenheim, wenn er eines der überteuerten Großstadtappartments haben kann? – schließlich sind die ja um so vieles angesagter, ein Leben am Puls der Zeit.
Doch wer war hier eigentlich zu bedauern? Waren es unsere Mütter, die es einfach nicht besser wussten, die ihre Erfüllung in der Familie sahen? Oder sind wir es, die wir heutzutage bereit sind, für Karriere, Erfolg und Selbstständigkeit alles andere am Wegesrand liegen zu lassen? Die drei kleinen Italiener befanden offensichtlich eher letzteres als trauriges Schicksal – und das, obwohl sie doch so jung waren.
Und mal ganz ehrlich: Was wäre gegen eine Familie, ein Haus, ein Leben in der Kleinstadt einzuwenden? Ich weiß – sehr vieles. Aber eben so viele Einwände gibt es wohl bezüglich des trendgerechten Großstadtlebens, Karriere inklusive. Das Absurde – egal was wir haben – die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns genau das Gegenteil wünschen, ist hoch. Wünscht sich die Mutter mit Ehemann und Garten nicht manchmal auch, wie ein Vamp durch die Clubs zu ziehen, unabhängig, vielleicht auch mal egoistisch zu sein? Und wünscht sich der Vamp, der sämtliche Parties mitnimmt, nicht manchmal, eine Familie zu haben, einen gemütlichen Fernsehabend zu Hause zu verbringen?
Wer kennt das passende Rezept für’s Glücklichsein? Soweit ich weiß – niemand. Aber vielleicht reicht es ja, zu wissen, dass man nicht alles haben kann und dass das auch gar nicht so schlimm ist. Denn wer alles halb hat, hat auch nichts ganz. Also bin ich meinetwegen eine alte Schachtel – eine alte Schachtel ohne Mann und doch eine alte Schachtel, die der kleine braunhaarige Italiener mit den Rehaugen zur Freundin haben wollte.
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