Chrissi’s World

Genugtuung – ja, Gerechtigkeit – nein.

Juli 26, 2008 · 2 Kommentare

Ein alter vollbärtiger Mann mit schneeweißem Haar, seine müden Augen liegen hinter großen dicken Brillengläsern, sein schwarzes Gewand verleiht ihm den Charme eines senilen Gurus. Mit Handauflegungen, Magneten und Tinkturen heilt er die Wehwehchen seiner Patienten – alternative Heilmedizin schimpft sich das. Was keiner wusste – hinter dem Mediziner namens Doctor Dragan Dabic verbirgt sich ein kaltblütiger Massenmörder. Doch waren wirklich alle so unwissend, wie sie vorgeben?…

Sein wirklicher Name: Radovan Karadzic – ein Synonym für Völkermord, Verbrechen an der Menschlichkeit, tausende getötete Muslime. Der ehemalige Serbenführer ist verantwortlich für die schlimmsten Kriegsverbrechen auf dem Balkan (Bosnien-Kriege 1992-1995) . Er und sein früherer Militärchef Ratko Mladic belagerten Sarajevo und töteten rund 10.000 Zivilisten, beim Massaker von Srebrenica ließen sie rund 8000 muslimischen Männern und Jungen ermorden.

Nach fast 13 Jahren Flucht, Versteckspiel und perfekter Tarnung konnte Radovan Karadzic in Belgrad gestellt werden. Für die Mütter aus Srebrenica, die ihre Söhne und Männer verloren, ist das die Genugtuung, auf die sie jahrelang gewartet haben. Jubelszenen und Bilder vom Autokorso wandern durch die Medien und auch der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier gratuliert Serbien vor laufender Kamera zu diesem „Meilenstein in der Geschichte“. Die Freude scheint groß. Doch wer glaubt, dass nun endlich die Opfer von damals auf der Gewinnerseite stehen, der irrt.

Alles mutet einmal mehr nach einer dunklen Gruselgeschichte aus dem politischen Sumpf an. Ausgerechnet jetzt, da an der Spitze Serbiens mit dem Präsidenten Boris Tadic eine pro-europäische Regierung steht, ist die Festnahme Karadzics gelungen. Der Zeitpunkt, um auf internationaler Ebene zu punkten, hätte eben besser nicht sein können. Und so lässt Serbien direkt nach der Festnahme des frühere Militärchefs der bosnischen Serben verlauten: „Wir wollen in die EU!“

Dabei liegt doch eines schwer im Magen: 13 Jahre lang bewegte sich Karadzic frei, ging einkaufen, trank sein Bier in Kneipen, wurde zuletzt in einem Fußballstadion gesehen und soll sogar in Wien als Wunderheiler tätig gewesen sein. Die Vermutung, dass die serbische Regierung den Aufenthaltsort des heute 63-Jährigen schon seit Jahren kannte, ihn aber aus politischen Gründen deckte, liegt nahe und ist vor allem eins: Ein Hohn für jene, die ihre Angehörigen verloren haben. Die Hoffnung, dass es endlich Vergeltung geben könnte, ist dennoch groß. Derzeit verhandeln die serbischen Behörden darüber, ob sie Karadzic an das Internationale Kriegsverbrechertribunal in Den Haag überstellen. Während die Karadzic-Sympathisanten nach dessen Festnahme mit Krawallen für Unruhe in Belgrad sorgten, bauen die Angehörigen der Opfer darauf, dass der 63-Jährige nun seiner gerechten Strafe zugeführt wird. Von wirklicher Gerechtigkeit kann jedoch keine Rede sein. Viel zu lange konnte Karadzic unbehelligt sein Leben fortsetzen. Nun ist er alt – optisch wirkt er fast scheintot. Seine „besten Jahre“ liegen hinter ihm – was hat er noch zu verlieren? Nicht viel. Aber er ist die Ursache, dass andere alles verloren haben.

Wirklich klar ist außerdem nicht, ob es wirklich zu einer Verurteilung in Den Haag kommen wird. Denn auch wenn Karadzic sich dort verantworten muss, bleibt fraglich, ob dem ehemaligen bosnischen Serbenführer wirklich eine Beteiligung an Kriegsverbrechen nachgewiesen werden kann. Dass damit der Schmerz und die Verwüstung, die Kradzic verursacht hat, vergolten werden kann, ist Schwachsinn. Genugtuung – ja, die langersehnte Wende – nein. Mit einer Verurteilung mag die Sehnsucht nach Vergeltung weichen, doch die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Probleme der Menschen in den Nachfolgestaaten bleiben.

Kategorien: Gesellschaft
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2 Antworten bis hierher ↓

  • Anonym // Juli 26, 2008 um 5:35 | Antworten

    Huch was lese ich da? POLITIK???
    Ich bin schwer beeindruckt. Zwei große und zwei Babydaumen hoch für Tante Chrissi!

  • chrissi2411 // Juli 26, 2008 um 5:37 | Antworten

    Ja Schätzelein – das war schon immer das Problem : die chronische Unterschätzung von Blondinen…irgendwann regieren wir die Welt ;)

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