Obama hier, Obama da – man kann es kaum noch hören, geschweigedenn lesen. Wenn es um den möglichen Nachfolger von George W. Bush – Barack Obama, der wohlgemerkt noch nicht einmal offiziell zum Präsidentschaftskandidat erklärt wurde – geht, überschlagen sich die deutschen Medien und die Bundesrepublik läutet eine derartige Euphorie ein, so dass man meinen könnte, der Afro-Amerikaner bewirbt sich auf den Kanzler-Posten…
Die Zahlen sprechen Bände: Während in Deutschland 76 Prozent der Befragten Barack Obama für den besseren Kandidaten halten (für den Republikaner John McCain können sich nur 10 Prozent begeistern), sind die Umfrage-Ergebnisse in den USA weitaus weniger polarisierend. Dort liegt Obama mit 44 Prozent nur knapp vor seinem Konkurrenten McCain, der derezit 42 Prozent der Stimmen auf seiner Seite hat.
Angesichts des herrschenden Meinungsbildes in der Bundesrepublik scheint es auch wenig erstaunlich, dass Barack Obama es geschafft hat, dass sich ganze 200.000 interessierte Zuhörer vor der Berliner Siegessäule versammelten, um live mitzubekommen, was der mögliche neue Präsident der Verinigten Staaten den Deutschen in seiner ersten öffentlichen Auslandsrede denn so mitzuteilen hatte. Es wurde gejubelt, applaudiert und Fan-Transparente wurden wie auf einem Pop-Konzert enthusiastisch in die Luft gehalten. Da wird Frau Merkel sicherlich blass vor Neid, denn eine solch begeisterte Fangemeinde kann die mit Sicherheit nicht ihr eigen nennen – weder im eigenen noch in einem anderen Land.
Dabei stellt sich eine Frage: Woher nehmen die Deutschen diese unendliche Begeisterung für Obama, während diese in den Staaten schon längst wieder auf dem absteigenden Ast ist? Klar – Obama ist vergleichsweise jung, er scheint enthusiastisch und begeistert mit massenwirksamen Slogans wie „Yes we can“ und „Change“ – das hört sich nach Veränderung an. Doch wie viel Veränderung bringt Obama wirklich und wie viel wissen die Deutschen wirklich über dessen politische Ziele? Es macht fast den Anschein, als jubelten die Massen nur, weil eben alles besser ist als George W. Bush. Da scheint der ein oder andere gar nicht zu merken, dass Obama mit Engelsstimme darauf beharrt, dass auch Deutschland im Irak weitere Truppen stellen und für den Frieden kämpfen müsse. Würden die von grenzenloser Begeisterung übermannten deutschen Anhänger mal richtig zuhören und nachlesen, wüssten sie auch, dass Obama erst Anfang Juli einen Kurswechsel in seiner Irak-Politik durchscheinen ließ, indem er den fest versprochenen Truppenabzug plötzlich in Frage stellte.
Aber das scheint angesichts der Euphorie niemanden so recht zu interessieren. Aber wer schon so tun möchte, als ginge es bei Barack Obama um den zukünftigen Kanzler, der sollte sich mit ihm und seiner Politik eben mindestens auch genauso kritisch auseinandersetzen, wie mit der eines tatsächlichen Kanzlerkandidaten – auch wenn alles besser ist als George W. Bush.

1 Antwort bis hierher ↓
Thearcadier // September 28, 2008 um 2:16 |
Ich hatte das auch verfolgt, allerdings vom Fernseher aus. An dem Donnerstag als Obama in Berlin erschien, waren sämtliche Medien aus dem Häuschen. Ich denke, dass diese gemachte Euphorie bei den meisten Menschen einfach das Gehirn ausgestellt hat. Das Ganze hatte ja auch mehr den Anschein eines Volksfestes, denn einer politischen Rede, so mit lecker Würstchen in der Hand…