Vor kurzem fragte mich jemand, was meine Träume seien. Eine simple Frage. Eigentlich. Träumen darf schließlich jeder so viel er mag – die absurdesten Vorstellungen sind erlaubt, denn dafür sind es Träume. Doch mit Entsetzen musste ich feststellen – ich konnte keinen einzigen Traum nennen, zumindest keinen konkreten, keinen, den ich verfolgte. Was will ich eigentlich? Irgendwie wusste ich nur, was ich keinesfalls wollte…
Was hätte ich sagen können: „Ich möchte etwas erreichen, etwas bedeutsames, ich möchte glücklich sein – auf meine Weise“ – das war die Antwort, die mir im Kopf schwebte. Doch ich sagte sie nicht, denn irgendwie schien es mir so erbärmlich, schließlich hätte es nicht unkonkreter sein können. Es war eine Antwort, die von jedem X-Beliebigem hätte kommen können. Das war nicht gut, gar nicht gut, denn plötzlich schien es, als hätte ich mich und meine Träume noch nicht genau definiert – und wer will schon undefinierbar, x-beliebig sein.
Eine andere Frage hingegegn hätte ich schon genauer beantworten können – nämlich die, was ich nicht will. Ich möchte keinen Alltag in meinem Alltag, ich möchte nicht täglich aufstehen müssen und schon vorher genau wissen, was mich an diesem Tag erwartet. Routine ist lebendiges Sterben. Ich möchte keine Ideale verfolgen, nur weil andere sie als Ideale sehen – der Hund, das Kind, der Baum und das idyllische Eigenheim zum Beispiel stehen und standen noch nie auf meiner Wunschliste. Nicht, dass somit all das ausgeschlossen ist, aber es darf nicht als Ziel des Lebens definiert sein, denn da draußen wartet mehr als nur eine Kiste voller abgedroschener Ideale.
Doch wenn ich nun nichts Abgedroschenes wollte, was wollte ich dann? Wo waren sie – meine Träume? Hatte ich jemals geträumt? Gewiss das hatte ich. Ich hatte jede Menge Träume, verschiedene, verrückte, bodenständige, unerreichbare, zum Greifen nahe. Warum es diese Träume nicht mehr gab? Weil sie sich zerschlagen hatten, weil ich mich verändert hatte, weil die Menschen, die einst Teil dieser Träume waren, sich verändert hatten und weil man vielleicht irgendwann aufgibt zu träumen. Es ist schmerzhaft, wenn Träume zerplatzen wie Seifenblasen.
Wie diese Träume zerplatzen? Indem die Realität sie auffrisst. Als Kind zum Beispiel wollte ich Ärztin werden, um meinen kranken Vater zu heilen. Ich wollte eine Heidenkohle machen, um ihn und meine Mutter zu versorgen, ich würde ihnen ein Haus kaufen – beiden eins. Doch irgendwann musste ich feststellen, dass meinem Vater nicht zu helfen ist und dass sich die Beziehung zwischen ihm und mir verändert hatte, vielleicht war sie ja nie da gewesen. Und dass Geld alleine kein Patentrezept fürs Glücklichsein ist, erkannte ich auch irgendwann.
15 Jahre später wollte ich in die USA auswandern, ich dachte, ich hätte dort mein Glück gefunden. Ich würde endlich in einer Nation leben, die noch an die Träume der Menschen glaubt, ihnen eine Chance gibt. Ich würde mich schon hochkämpfen, dachte ich damals. Doch die Realität holte mich schnell ein – nicht einmal das günstigeste Community-College war für mich erschwinglich. Auch erkannte ich bald die wahre Bedeutung des Ausspruchs „Words are cheap“. Amerikaner reden viel, sie lieben dich alle – abgöttisch. Aber eben nur so lange du mit ihnen zusammen bist – aus den Augen aus dem Sinn. Freundschaft definiert sich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten eben auch unbegrenzt, unbegrenzt anders. Ein weiterer Traum wurde zu den Akten gelegt.
Aus meiner Zeit in Amerika ergab sich Traum Nummer 3. Modejournalismus sollte es sein. Die pulsierende Metropole, all die schrägen Typen, die abgedrehten Künstler und Designer – sie hatten mich inspiriert, dort wollte ich hin, dort fühlte ich mich zu Hause. In NYC wussten die Menschen, dass Mode mehr ist als nur eine Oberflächlickeit – es war Kunst, ein Lebensgefühl, es war das, worüber sich Menschen definierten.
Lange hielt ich mich an diesem Traum fest, bis mich schließlich mein Volontariat nach Bremerhaven verschlug. Dort sprach weder die Mode, noch die Kunst – dort sprach der kleine Mann mit den echten Problemen, so dass ich mir schon bald furchtbar albern vorkam, mein Leben um das Thema Mode kreisen zu lassen, während andere ums Überleben kämpften. Seither klafft in meinem Kopf ein große Lücke – nämlich dort, wo Träume geschmiedet werden. Was wollte ich überhaupt? Ich wollte etwas Bedeutsames schaffen – bedeutsam für mich, so bedeutsam, dass ich täglich in der Lage sein würde, guten Gewissens in den Spiegel zu schauen. Ich wollte kein Leben, dass sich allein um mein eigenes banales Dasein drehte und doch sollte es letztendlich darum gehen, dass ich ein glücklicher und erfüllter Mensch sein würde. Wohin der Weg führt? – Ich weiß es nicht. Dafür muss erst die Traumschmieder wieder aktiviert werden und die Angst vor zerplatzten Träumen weichen…

2 Antworten bis hierher ↓
Henke // Juli 28, 2008 um 7:31 |
Sagst du mir Bescheid, wenn du herausgefunden hast, wie man ihn wieder aktiviert? Ich werde inzwischen ausprobieren, ob sich die kleinen, banalen und an Ende doch ganz großen Träume verwirklichen lassen…
Julius // August 20, 2008 um 4:45 |
Irgendwann, da kommt die Zeit, wo auch wieder Träume geträumt, Tränen geweint und die Tage genossen werden können.
Manchmal, manchmal auch für längere Zeit, geht das halt einfach nicht. Auch Kerle sollen mit solchen Problemen zu kämpfen haben.