Sie verkaufen ihre Jugend. Für 1000 Dollar im Monat (600 Euro) tauschen Seemänner ihre Freiheit gegen ein Leben an Bord eines Containerschiffes. Teilweise sehen die Männer monatelang kein Land, kein Tageslicht. Wenn die Frachter entladen werden, verbringen sie wenige Stunden der Normalität in den Internationalen Clubs für Seemänner. Dort wartet nichts besonderes auf sie, und doch ist es wie ein Licht am Horizont: Eine Runde Tischtennis, ein Telefonat in die Heimat, auf der Couch sitzen und ein Bier trinken, jemand wie Antje von der Bremerhavener Seemannsmission, jemand der ihnen zuhört - bis es zurück geht, in ein trostloses Leben, aus dem sich nicht jeder befreien kann…
Im Gebetsraum des Bremerhavener Seemanns Club liegt ein dickes Buch. Dieses Buch ist nicht zum Lesen da, sondern zum Schreiben, zum Hoffen, zum Wünschen, zum Bitten. „Das ist das zweite, das erste Buch ist schon voll“, sagt Antje von der Seemannsmission. Es ist ein Gebetsbuch, in dem die Seemänner ihren Dialog mit Gott verfassen. „Lord thank you for your blessings. Help me to be strong and give my family what they need, not what they wish for but what they need“, steht da in Inversalien geschrieben. Einblicke in die sensiblen Seelen augenscheinlich starker Männer. Philippinen, Inder, Niederländer, sie alle hinterlassen dort ein Stück ihrer Gedankenwelt, ihre Hoffnungen in einer oft hoffnungslosen Welt.
„Wer den Ausstieg mit 45 nicht geschafft hat, hat seine Chance verpasst“, sagt Antje mit bedächtiger Stimme. Wenn sie von diesem ersehnten Ausstieg berichtet, denkt sie vor allem an die philippinischen Seemänner. Für diese jungen Männer ist der Seemannsberuf keine Perspektive, es ist eine Verpflichtung, die einzige Option. Sie sind auf das wenige Geld angewiesen. „Zu Hause warten die Familien auf das Geld. Die Männer müssen ihre Frauen, Kinder, die ganze Familie versorgen“, weiß Antje. Und nicht nur sie - auch in der Seefahrt weiß es jeder. Philippinen sind abhängig und deswegen billig zu haben – sie sind Ware, Menschenware. Nicht selten müssen sie Arbeiten verrichten, für die sie nicht bezahlt werden. Wer den Mund aufmacht, verliert mit großer Wahrscheinlichkeit seinen Job. „Natürlich können sie sich beschweren, allerdings kann es gut sein, dass sie das nächste Mal von der Reederei nicht mehr angeheuert werden“, berichtet Antje. Also schweigen viele lieber.
Schweigend sitzen die Männer auch im Gemeinschaftsraum des Bremerhavener Seemanns Clubs. Eine Flasche Bier in der Hand. Durch die Tür kommt eine blonde Frau im roten Kleid. Sie schweigen weiter, schauen aus ihren Augenwinkeln dem schwingenden Rock hinterher. Lange haben sie keine Frau mehr gesehen. „Die freuen sich, dass du so ein tolles Kleid anhast“, sagt Antje. Draußen, auf dem Parkplatz, steht ein Transporter voller Frauen, voller käuflicher Liebe. Deren Freude über das „tolle Kleid“ hält sich in Grenzen. Giftige Blicke. Konkurrenz? „Die haben hier ein Geschäft gewittert. Oft bringen sie ältere Frauen, weil es bei den Philippinen als unhöflich gilt, eine ältere Frau abzuweisen“, berichtet Elizabeth. So verliert mancher Seemann selbst seine letzten Dollar. Teure Höflichkeit.
Wie das aussieht, wenn einer den Absprung schafft? „Dann eröffnen sie ein kleines eigenes business in ihrer Heimat, mit dem sie sich finanziell über Wasser halten können“, sagt Antje. Über Wasser, ohne auf dem Wasser zu sein.
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