Dass bei den Olympischen Spielen in China so einiges mehr Schein als Sein ist, wissen wir nicht erst seit gestern – angefangen beim Gastgeberland, das es mit der Pressefreiheit nach anfänglichen Versprechen an ausländische Journalisten dann doch nicht so genau nahm, bis hin zu den Sportlern selbst, die natürlich ganz ohne chemische Hilfsmittel diverse Rekordzeiten mal eben so um stolze vier Sekunden unterbieten. Da scheint es doch schon fast passend, dass selbst zur pompösen Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele 2008 gemogelt wurde: Die zuckersüße Stimme des zuckersüßen asiatischen Mädchens, das da die Ode an das Vaterland trellerte, gehörte nämlich gar nicht dem zuckersüßem Mädchen, sondern der siebenjährigen Yang Peiyi, die von den Organisatoren für zu dick und zu hässlich befunden wurde…
Schiefe Zähne, ein zu rundes Gesicht – das durfte nicht sein, so wollte das Gastgeberland China den eigenen Nachwuchs nicht repräsentiert wissen. Schöne Stimme UND schöne Optik in Einem sollten für das perfekte Image sorgen. Doch da diese Welt nun einmal alles andere als perfekt ist, kann ein bißchen Tricksen nicht schaden, dachten sich wohl die Organisatoren der Zeremonie und tauschten auf Drängen seitens des Politbüros das kleine Stimmwunder Yang Peiyi gegen die zum Dahinschmelzen süße Lin Miaoke aus. Wie das funktionierte, muss man seit der Mini-Playback-Show wohl niemandem mehr erklären. Einfach brav die Lippen bewegen und einfach nur niedlich aussehen, lautete der Auftrag für Lin Miaoke.
Blöd nur, dass das Ganze aufflog. Doch man versäumte es selbstverständlich nicht, dem angeblich hässlichen Entlein Yang einzubläuen, wie sie auf die Nachfragen der ach so lästigen Presse zu reagieren hat. Und so bekundete die Siebenjährige brav, dass es doch schon allein eine Ehre gewesen sei, dass ihre Stimme für die Eröffnungsfeier benutzt wurde. Artiges Kind!
Das Land China wird dieser weitere Faux Pas wenig kratzen. Schließlich tangierte die Aufregung über die Internetzensur das Politbüro auch mehr oder weniger peripher. Dagegen sind kleine Notlügen zugunsten des schöneren Bildes ja nun wirklich Peanuts. Die Leidtragenden sind in diesem Fall die beiden kleinen Mädchen. Yang, die zu dem zweifelhaften Weltruhm gelangte, dass sie zu hässlich war für die Kamera. Und Lin – die ist jetzt quasi sowas wie die böse Stiefschwester von Aschenputtel, die sich mit den Lorbeeren anderer schmückte.
Da lobt man sich doch europäische Erfolgsgeschichten wie die des Handyverkäufers Paul Potts. Der Engländer fällt im Gegensatz zu Yang tatsächlich in die Gruppe jener, die kaum jemand als „schön“ bezeichnen würde. Doch der 36-Jährige schaffte es dank seines bewegenden Auftritts in der Castingshow „Britain’s got Talent“ vom Nobody zum Opernstar, rührte die Menschen zu Tränen und tut das hierzulande jetzt sogar in einem Werbespot der Telekom – und alle finden’s klasse und wahrscheinlich vor allem aus einem Grund – weil gerade das Außergewöhnliche so spannend und Perfektion so langweilig ist.
Bildquelle: AFP (Links: Yang, rechts: Lin)
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