Jährlich nehmen sich 10.000 Deutsche das Leben, vier Millionen leiden akut unter Depressionen - Tendenz steigend. Das Erstaunliche: In ärmeren Ländern sind Depressionen weitaus seltener. Wie kommt es also, dass wir in einem reichen Land wie unserem, in denen es den Menschen vergleichsweise doch so gut geht, wir doch so unglücklich sind?…
Wir haben nicht nur ein Dach über dem Kopf, Strom, fließend Wasser und tägliche Mahlzeiten, nein – die meisten von uns haben auch einen Job, eine Familie, ein Auto, Fernseher, Stereoanlage und viele weitere Annehmlichkeiten, die das Leben in einer modernen Gesellschaft so zu bieten hat. Glücklich macht uns das alles offensichtlich trotzdem nicht, zumindest nicht jeden. Wie sonst wäre zu erklären, dass schätzungsweise 50 Prozent aller Bundesbürger – als Opfer oder Angehöriger – von Depressionen betroffen sind?! Erwischen kann es jeden – Männer, Frauen, Schüler, Studenten, Rentner, Beamte, Arbeitslose. Depressionen sind zu einer Art „Volkskrankheit“ geworden – ein Phänomen der Industriestaaten.
Ist das der Preis des Luxus? Bezahlen wir unser Glück mit dem Unglück? Obwohl das Englische oft sprachlich undifferenziert ist, bietet es in diesem Fall eine sehr passende Unterscheidung: „Lucky“ und „happy“ – beide Worte werden mit dem Begriff „glücklich“ ins Deutsche übersetzt und doch ist ihere Bedeutung nicht die gleiche. We’re lucky but we’re not happy. Wir können uns glücklich schätzen – wir sind weder direkt von Hunger, noch von Kriegen bedroht. Doch glücklich, innerlich glücklich, sind die wenigsten.
Wir leben in einer leistungs- und profitorientierten Gesellschaft. Wer etwas werden will, muss ranklotzen. Wir rotieren, laufen wie ein Hamster im Laufrad, um das zu erreichen, was wir als „Glück“ bezeichnen: Finanzielle Sicherheit, Erfolg, Ansehen. Das verursacht Stress. Und genau der erhöht das Risiko an Depressionen zu erkranken, weiß Jürgen Fritze von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde.
Es ist der Druck, „funktionieren“ zu müssen. Wer nicht mithalten kann, wer scheitert, fällt in ein tiefes Loch – das Loch der Depressionen. Arbeitslosigkeit, steigende Scheidungsraten, Vereinsamung durch abnehmende soziale Kontakte prägen unsere Gesellschaft. Indess strahlen uns von Plakaten und Werbespots perfekte Familien, makellose Körper und erfolgreiche Manager entgegen. Sie sind die Ikonen der Moderne – so wollen, so müssen wir sein. Wer nicht gut drauf ist, wird zur „Spaßbremse“ erklärt.
Kein Wunder also, dass sich die meisten Menschen für ihre Depressionen schämen. Und so bleibt das Ganze nur allzu oft im Verborgenen und führt bei Betroffenen zur Flucht in eine Sucht. Einen Grund, sich zu verstecken, gibt es aber nicht wirklich. Die Zahlen beweisen: Die Betroffenen sind nicht alleine, Depressionen sind alles andere als abnormal – leider. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass Depressionen nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Jahr 2020 weltweit zu den zweithäufigsten Krankheiten gehören werden.
Depressionen sind kein Grund zur Freude? Für die Pharmaindustrie schon: „Im Jahr 2000 soll mit Antidepressiva auf der ganzen Welt ein Umsatz von 13,1 Milliarden Dollar gemacht worden sein, bis 2010 könnten es schon 26 Milliarden Dollar werden“, berichtete die FAZ. Auf der Liste der am häufigsten verschriebenen Präparate stünden Antidepressiva an achter Stelle.
1 Antwort bis hierher ↓
thearcadier // September 25, 2008 um 3:44 |
So hab mir jetzt mal den August vorgenommen bei Dir: vielleicht liegt es auch an dem sorglosen Umgang mit den Pillen. Ein zu häufiges Einnehmen betäubt eventuell echte Gefühle, so dass man sich nachher nicht mehr richtig freuen kann, und dann wieder depressiv wird.