Chrissi’s World

Currywurst braucht das Land…

September 2, 2008 · Kommentar schreiben

Der Pommesbuden-Besitzer vor meiner Haustür hat die unbegrenzten Möglichkeiten des Marketing entdeckt und direkt in die Trickkiste gegriffen: „Currywurst macht schlau“, steht auf seiner grünen Tafel. Der erste Halbwüchsige mit Schulranzen auf dem Buckel ist auch schon in Sicht. Gewiss ist er begeistert von der fleischigen Wunderwaffe gegen Wissenslücken. Was zu Hause passiert, ist abzusehen: „Hast du deine Hausaufgaben schon gemacht“, fragt Mama. Der Nachwuchs antwortet: „Nö, muss ich nich, hab schon Currywurst gegessen.“ …

Es ist schon faszinierend, wie früh wir damit beginnen, den eigenen Nachwuchs zu verblöden. Im Fernsehen lernen die Kleinen: Wenn Milch und Schokolade sich verlieben, dann sind die Babys, die sie machen, kleine Schokoriegel. Außerdem können die Jungs und Mädels ihre T-Shirts getrost dreckig machen, denn waschen muss die ja nicht Mama – das macht der weiße Riese. Und wenn’s mit der Mathe-Klausur nicht so klappen will, dann hilft neuerdings die Currywurst.

Die Konsequenzen der frühzeitigen Verblödung begegnen mir an der nächsten U-Bahn-Station. Dort kappelt sich ein Pärchen – beide höchstens 16 Jahre alt, sie – schwanger. Wahrscheinlich dachten sich die beiden: Wenn schon beim Küssen kein Babybauch gewachsen ist, dann kann bei allem anderen so viel mehr auch nicht passieren. Ist es aber. Und nun stehen sie da und hüpfen waghalsig an den Gleisen umher. Aber gewiss hat sie ausreichend Red Bull getrunken – eines für sich, eines für den Nachwuchs. Sollte sie also tatsächlich stolpern, kann nix passieren – schließlich weiß jedes Kind: Der Energy-Drink verleiht Flügel.

Mir schräg gegenüber sitzt ein Jugendlicher in der hintersten Ecke der Bahn. Mp3-Player in den Ohren und BILD-Zeitung in der Hand. Gratulation: Du gehörst offensichtlich zur Elite der Nachfolge-Generation, denn immerhin – der junge Mann kann lesen und nutzt diese Fähigkeit sogar. Viel mehr dürfen wir angesichts der jahrelangen Massenverblödung, der sich der Teenager über ein Jahrzehnt unterziehen musste, wohl auch gar nicht verlangen. Da sei es mal dahingestellt, ob der Jungspund sich nun gerade am blanken Busen von Krankenpflegerin Kathleen erfreut oder gemeinsam mit der BILD um „King Kahns“ Abschied trauert.

Auf meinem Weg nach Hause fällt mir ein weiteres Absurdum ins Auge: Da haben pflichtbewusste Anwohner einen Holzhund – offensichtlich gerade beim Absondern diverser Körperexkremente – mit der Aufschrift „No!“ im Blumenbeet positioniert. Herrlich: In unserem Land gibt es also nicht nur lila Kühe, sondern  offensichtlich auch Englisch sprechende Hunde, die natürlich auch noch lesen können. Vielleicht sollten wir  einfach alle mehr Currywurst essen…


Kategorien: Gesellschaft
Mit Tag(s) versehen: , ,

0 Antworten bis hierher ↓

  • Bis jetzt noch kein Kommentar ... Bring die Sache ins Rollen, und füll das untere Formular aus.

Kommentar schreiben