Kinder und Jugendliche siezen mich, ich trinke zum Essen Rotwein, 20 Uhr ist Tagesschau-Zeit, ich entwickle einen geradezu beängstigenden Ordnungssinn und ich frage mich – wo sind all die Jahre hin und wann war ich so schrecklich erwachsen geworden? Wo sind die Zeiten, in denen das Müll-Rausbringen und Geschirrspülen zur Staatsaffäre erklärt wurde? Wann hatte ich das letzte Mal gefragt, was es zum Mittagessen gibt; wann war der letzte Streit um die Fernbedienung entfacht und wann hatte ich meinen letzten Ausraster, weil ich um 22 Uhr zu Hause sein musste? Es ist schon fast irreal – noch immer nennt mich meine Mama „Micke“ oder „Schnuckiputzi“, doch inzwischen ertappt sich der rebellische Blondschopf dabei, das „Spießige“ gar nicht mehr so spießig zu finden…
Vor ungefähr zehn Jahren habe ich mich gefragt, wie es wohl ist, erwachsen zu sein. Schienen sie doch alle so vernünftig und schrecklich spießig – diese Erwachsenen. Deutsche Welle im Radio oder Polit-Talkshows im Fernsehen? – Nicht mal gegen Bezahlung! Inzwischen sind Spiegel, Sueddeutsche & Co. unter den Favoriten meines Internetbrowsers gespeichert – und das nicht aus rein dekorativen Gründen.
Um nicht zu angestrengt interessiert zu wirken, gebe ich hin und wieder immer noch gerne damit an, ein Einser-Abi mit Nichtstun erreicht zu haben. Und doch ärgert es mich inzwischen, in dem ein oder anderen Fach nicht doch etwas genauer hingehört zu haben. „Man lernt nicht für die Schule, sondern für’s Leben, Kind!“, hatte Mama damals immer gerufen und ich synchron die Augen gerollt. Wer mehr machte als notwendig oder ständigen Bestnoten hinterherjagte, war ein „Streber“. Basta.
Inzwischen weiß ich es besser – ich weiß, dass ich nichts weiß. Leider weiß ich auch, dass andere noch viel weniger wissen, was erschreckend scheint. Früher hätte mich das alles herzlich wenig gekratzt – sollen die doch alle machen, was sie wollen – solange es ihnen Spaß macht und sie mir damit nicht auf den Senkel gehen. Und genau da ist sie, diese Einstellung, die uns heute prägt: Eine Spaßgesellschaft mit Scheißegal-Mentalität. Einsicht – besser spät als nie, denke ich mir. Jedoch ist das „nie“ wohl das häufigere Phänomen.
Die Tagesthemen sind vorbei, hier sitze ich nun mit einem Glas Rotwein, das Essen musste ich selber kochen, in meiner eigenen Wohnung, eigenen Küche mit dem ganz eigenem Klingelschild. Niemand, der „Schnuckiputzi“ zum Spülen ruft – „Schnuckiputzi“ macht das inzwischen nämlich ganz von selbst. So fühlt es sich also an, das Erwachsensein. Ziemlich banal, oder? Schließlich hat sich so viel nicht verändert – so unvernünftig wie eh und je, immer noch naiv und chaotisch. Was sich verändert hat? Mehr Verantwortung, mehr Nachdenken – das ist toll und doch manchmal wahnsinnig anstrengend.
1 Antwort bis hierher ↓
thearcadier // Oktober 22, 2008 um 3:31 |
Diesen Artikel hab ich erst jetzt gelesen. Die Gedanken kann ich aber voll unterschreiben. Habe einen älteren Cousin und wollte immer so alt sein wie er, weil das irgendwie cooler war, aber irgendwie hab ichs dann nie gemerkt, also dieses Gefühl, dass das echt cooler war. Wars nicht, nur anders. Aber ich glaube ja, dass uns diese Gedanken immer verfolgen werden. Kennt man auch von seinen Großeltern, die immer von früher schwärmen und man direkt mit den AUgen rollt, weil man partout nicht verstehen kann, was damals so toll war. ABer so ist das eben. Entweder man verliert sich in Gedanken an eine Zeit, die schon vergangen ist oder an die Zukunft…irgendwie zum Verrücktwerden. Und wenn dann noch das Wetter furchtbar ist – so wie jetzt – dann wirds ganz schlimm, nur das man dann entweder an den nächsten Sommer denkt oder wie ich an den letzten: schön mit Kid Rocks All Summer long im AUto durch die Gegend gefahren, da hat man dann gleich weider gute Laune, komisch: da funktioniert das also. Lass das also mal probieren, ob das auch mit den anderen Gedanken geht, ok?