Chrissi’s World

Zwischen Pest und Cholera…

September 13, 2008 · 8 Kommentare

Auf der Suche nach verlässlichen Größen in unserem Land begegnet uns allenfalls Dieter Bohlen – wenigstens bei dem können wir uns darauf verlassen, dass er wohl bis an sein Lebensende bei DSDS die Welt mit dummen Sprüchen zuballern wird. Ach, und dann wäre da natürlich noch Detlef D. Soost, der gewiss weiterhin eine Popstars-Band nach der anderen in den Ruin choreografiert. Ja, das ist es, was Deutschland zu bieten hat und das ist auch genau die Ebene, auf der sich die Welt der meisten Jugendlichen abspielt: Casting-Shows, dumme Sprüche, mit Nichtskönnen groß und berühmt werden. Indess jammert das „Bildungsbürgertum“ über die zunehmende Politikverdrossenheit der jungen Hoffnungsträger von morgen und ambitionierte Buchautoren erklären den Nachwuchs – zu Recht – zur „Generation Doof“. Doch wen wundert es, dass sich mancher Jugendlicher vom politischen Verwirrspiel überfordert fühlt? Schließlich zaubert die SPD einen Parteivorsitzenden nach dem anderen aus dem Hut und zelebriert die „Aus Alt mach Neu“-Masche, die CDU stürzt Fraktionschef Friedbert Pflüger, in Hessen ist das Unmögliche plötzlich möglich und wirklich grün ist sich sowieso niemand mehr…

Donnerstag, 20.15 Uhr, Pro7, die neue Popstars-Staffel: Eine Generation sitzt vor dem Fernseher. Anspruch gleich Null. Sidos Sprüche sind schlecht, Dee’s Wanna-Be-Coolness ist es auch und die Auftritte der Möchtergern-Popsternchen sind es erst recht. Mal ganz zu schweigen davon, dass sich wohl jeder fragt, aus welcher verstaubten Mottenkiste die gute Luna wohl hervorgekrochen ist.  Lebt die überhaupt noch, hatte man sich gewundert. Tut sie. Und nun sitzt sie da – in der Jury, schaut drein wie ein scheues Reh und nimmt brav die enttäuschten „Für dich endet Popstars leider hier“-Kandidaten in den Arm.

Donnerstag, 20 Uhr, ARD: „Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau. Guten Abend meine Damen und Herren…“ Erste innenpolitische Meldung: Die Unionsfraktion gibt sich sozial – sie will die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung senken. Der Wahlkampf hat begonnen – ein Hoch auf die leeren Versprechungen, auf die wir uns in den kommenden Monaten freuen dürfen. Indess hackt in der Hauptstadt die eine Krähe der anderen eben doch ein Auge aus: Die Berliner CDU stürzt ihren Fraktionsvorsitzenden Friedbert Pflüger mit großer Mehrheit und der stammelt vor versammelter Pressemeute, die Pisse in den Augen: „Eine Niederlage ist es nicht, wenn man eine Abwahl erleiden muss…“. Uhm ja, schon klar. „Als Hoffnungsträger gestartet, nach zweieinhalb Jahren gescheitert“, resumiert der Nachrichtensprecher, während Klaus Wowereit sich wie ein kleiner Schneekönig freut. Schadenfreude, schöne Freude.

Allerdings hat der regierende Bürgermeister Berlins nun wirklich keinerlei Anlass, den Mund zu weit aufzureißen. Schließlich spielt seine eigene Partei gerade selbst fleißig das „Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel“. Der dickbäuchige Kurt Beck musste gehen, der sportliche „Super-Münte“ ist zurück auf dem Politparkett. Ach und dann wäre da natürlich noch Außenminister Steinmeier, der plötzlich Kanzler werden soll – zumindest, wenn es nach der SPD geht. Klar, qualifiziert ist er – schließlich hat er jahrelang die Bleistifte von Gerhard Schröder gespitzt. Und weil der Frank-Walter eben genau hingeschaut hat, wie der Gerd das damals gemacht hat, stellt er sich auch gleich mal ins Bierzelt; versucht, den dicken Stock aus dem Hintern zu ziehen, krempelt die Ärmel hoch und gibt den Messias: „Ich habe den Ehrgeiz, dass wir in einigen Jahren wieder über Vollbeschäftigung sprechen“, sagt er und fügt unter Jubelstürmen hinzu: „Man darf Arbeitslosigkeit nicht nur bekämpfen, im nächsten Jahrzehnt müssen wir sie besiegen wollen.“ Lügt der Mann nun wirklich ohne rot zu werden oder ist es das bayrische Maß, das ihm zu Kopf steigt? Das Märchen von der Vollbeschäftigung glaubt heutzutage keiner mehr – erst Recht nicht der arbeitslose Jugendliche mit dem Hauptschulabschluss – der sitzt jetzt vorm Fernseher und schaut Popstars, denn fest steht: Wenn der Dee sagt, er bastelt eine neue Girl-Group zusammen, dann ist das wenigstens auch so.

Bildquelle: AP

Kategorien: Gesellschaft
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8 Antworten bis hierher ↓

  • thearcadier // September 13, 2008 um 11:13 | Antworten

    Kompliment, gut geschrieben. Ich für meinen Teil muss sagen, dass ich meinen Fernsehkonsum ziemlich eingestellt habe und wenn ich deinen Text lese, bestätigt mich das nur noch…also mach weiter so!

  • Henk // September 13, 2008 um 5:48 | Antworten

    Politisches Gezänk hat es zu jeder Zeit gegeben. Dass es die Jugend in die Politikverdrossenheit treibt, glaube ich nicht – eher wohl wage ich die ketzerische these zu verteten, dass innerparteiliche Querelen das Interesse der Jugendlichen an der Politik sogar fördern könnten. Ein wenig Turbulenzen sind einfach auch ganz schön zu verfolgen. Schaut man nicht eher hin, wenn Rücktritte und Gezänk im Fernseher laufen und schaltet man nicht eher um, wenn unspektakulär wichtige Entscheidungen im Parlament bekannt gegeben werden? Zurzeit ist das, was die politische Szene Deutschlands den Jugendlichen bietet, allemal spannender als jede Casting-Show.

  • chrissi2411 // September 13, 2008 um 8:58 | Antworten

    Klar, Gezänk und Intrigen – das ist auch der Stoff aus dem Filme, Daily-Soaps etc. gemacht werden – aber meiner Meinung nach sollten wir uns doch der Themen wegen für Politik interessieren und nicht weil es so viel Spaß macht, zuzusehen, wie der eine dem anderen eine Grube gräbt. Politik bestimmt nun mal unsere Lebensrealität und so spannend die kleinen Theateraufführungen auch sein mögen – darum geht es doch nicht. Auch wenn viele Politiker gewiss hervorragende Schauspieler abgeben würden – das ist es nicht, was ein Land braucht. Wir brauchen Menschen mit Visionen und Menschen, bei denen wir uns darauf verlassen können, dass sie diese Visionen auch umsetzen – ganz unabhängig davon, ob sie gerade auf Stimmenfang sind oder nicht. Das Hin und Her, das Gezänk und das Geschimpfe mag amüsant sein, aber macht es – gerade Jugendlichen gegenüber – Politik auch glaubwürdig? Ich habe da so meine Zweifel.

  • Henk // September 14, 2008 um 9:41 | Antworten

    Gemüse ist gesund. Aber muss man deswegen jeden Tag Rohkost essen? Als farbenfrohes Gratin oder als Beilage zu nem leckeren Steak schmeckt es doch gleich nochmal so gut – und es bleibt genau so gesund wie Rohkost.

  • chrissi2411 // September 14, 2008 um 9:48 | Antworten

    Netter Vergleich, aber ich finde, er hinkt…oder sollte ich sagen, er „henkt“ ;-)
    Grund: Leider ist das Steak inzwischen zum Hauptgericht geworden und Gemüse ist auch nicht mehr, was es mal war…alles gespritzt… :-p

  • chrissi2411 // September 16, 2008 um 9:33 | Antworten

    Für Henk zum Thema „unterhaltsam“ – heute auf Stern Online: „Neue Runde im Streit zwischen der SPD und der Linken: Erst rückt Helmut Schmidt Oskar Lafontaine in die Nähe von Adolf Hitler. Dann nennt die Linkspartei den Ex-Kanzler alterssenil. Und jetzt vergleicht der SPD-Politiker die Linke mit der rechtsextremen NPD.“
    Finde ich das wirklich noch unterhaltsam? Geschmacklos trifft es eher!

  • Henk // September 17, 2008 um 8:49 | Antworten

    Ich finde, das ist das Salz in der Suppe! Den Mut zu solch krassen Vergleichen muss man erstmal haben, wenn man doch weiß, dass darauf immer ein öffentlicher Aufschrei folgt. Helmut Schmidt ist einfach großartig!
    Solche politischen Randnotizen zeigen auch: Hier sind Menschen am Werk. Niemand sollte über dieses Gezänk vorschnell erheben. Wir alle sind hin und wieder „menschlicher“ als wir gern wären.

  • chrissi2411 // September 17, 2008 um 9:50 | Antworten

    Och Schätzelein, das ist jetzt aber nicht dein Ernst, oder? Ja, Dummheit, Geschmacklosigkeiten und hirnloses Gelaber sind menschlich, aber deswegen lange nicht löblich/erstrebenswert. Bei Oliver Geissen, Brit und „Talk, Talk, Talk“ sind auch Menschen am Werk – gruselig ist es trotzdem und gewiss alles andere als großartig.

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