Chrissi’s World

Haben Sie auch was gegen…

September 22, 2008 · 7 Kommentare

Ding Dong. Der Duft von Erkältungstee, Kräuterpastillen und zerstampften Chemikalien stieg Jasper in die Nase. Unzählige weiße Porzelanfläschlein standen säuberlich sortiert im dunklen Holzregal der Marktapotheke. Über ein ganzes Jahrhundert stand sie hier, anno 1867 war über dem Türbogen in Stein gemeiselt. Bunte Pflaster für kleine Wehwehchen, Traubenzucker gegen Kinderkrokodilstränen, weiße Pillen gegen das Hämmern im Kopf, Homöopathisches für die Hypochonder. Ein alter Mann im weißen Kittel schaute Jasper fragend durch seine polierten Brillengläser auf seiner Nasenspitze an, als er über die Türschwelle trat. „Was kann ich für Sie tun, junger Mann“, fragte er. „Haben Sie auch etwas gegen Liebeskummer“, wollte Jasper wissen…

„Welche körperlichen Beschwerden haben Sie denn“, hakte der grauhaarige Kittelträger mit dem Kugelschreiber in der Brusttasche nach. „Na Sie wissen schon – da ist dieser dicke Kloß im Hals. Ich glaube der kommt von der Sehnsucht. Außerdem ist mir ständig übel. Daran ist garantiert die Einsamkeit Schuld. Schwindelig ist mir auch, weil ich dauernd an sie denken muss. Und wenn ich verzweifelt bin, dann gibt es da dieses Problem – irgendwas scheint mit dem Schließmuskel meiner Tränendrüsen nicht zu stimmen. Am schrecklichsten ist natürlich der Schüttelfrost, wenn ich alleine unter meiner Bettdecke liege, denn dann kommt der Kloß, der Schwindel und das Schließmuskelproblem auch noch hinzu. Das treibt mich in den Wahnsinn“, brach es aus Jasper heraus. Er hätte noch unzählige weitere Symptome auflisten können, hätte der alte Mann ihn nicht unterbrochen. „Aber Junge, da müssen wir alle hin und wieder durch. Dagegen ist nun mal kein Kraut gewachsen“, hatte er gesagt.

„Aber das kann doch nicht sein! Seit über hundert Jahren gibt es diese Apotheke nun schon und ganz gewiss bin ich nicht der erste, der mit diesem Problem zu Ihnen kommt – wie auch – Liebeskummer ist schließlich eine Volkskrankheit. Und Sie wollen mir erzählen, Sie haben in all diesen Jahren kein einziges Mittel gefunden, dass da helfen könnte?“, empörte sich Jasper.

Die Wut stand Jasper förmlich ins Gesicht geschrieben. Er war die Kaffeetassen-Sprüche leid, die ihm sagten „Immer wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her“ – den hatte er von seiner Oma Ilse geschenkt bekommen. Sein Vater hatte ihm ein Bierglas mit dem Aufdruck „Man muss die Feste feiern, wie die Mädchen fallen“ vermacht. Beides verstaubte irgendwo in der hintersten Ecke des Küchenschrankes. Das einzige Lichtlein das Jasper sah, war das seiner glimmenden Zigarette und das eine Mädchen, das er dazu bewegen wollte, ihm zu (ver)fallen, bereitete ihm nichts als Kopfzerbrechen. Sämtliche Ratgeberseiten in diversen Männermagazinen hatte er gewälzt und nichts als Tipps für einen größeren Bizeps und die perfekte Bettakrobatik gefunden. Er hatte getrunken, gefeiert, gekifft, geflirtet. Nichts wollte helfen. Sie hatte sich festgebissen, in seinem Kopf. Sie – der Grund für Übelkeit, Verzweiflung, Schüttelfrost. Jasper hatte es satt – er wollte das Gegengift für jene Droge, die sie ihm offensichtlich verabreicht hatte. Und er wollte es von dem Apotheker. Sofort. Wenn nicht er es hatte, wer dann?

Jasper ließ sich nicht abwimmeln: „Mal ganz im Ernst – wenn Katzen oder Meerschweine einzeln gehalten werden, steht sofort Greenpeace auf der Matte und protestiert gegen die nicht artgerechte Haltung – so von wegen Vereinsamung und so. Aber wer bitte kümmert sich um die artgerechte Haltung von Menschen? Meinen Sie etwa, denen tut das Alleinesein gut? Nein! Sehen sie ja an mir!“, philosophierte er, wobei seine Stimme immer lauter und enthusiastischer wurde. „Wissen Sie überhaupt, wie sich das anfühlt? Ich steh auf dem beschissenen Bahngleis, sie nimmt ihre Tasche, geht einfach und ich kanns nicht sagen, ich kriegs einfach nicht über die Lippen. Ich wollte, dass sie bleibt. Ich wollte, dass sie nie mehr geht. Ich wollte ihr sagen, dass sie mehr ist – mehr als nur ein Freund. Doch sie ist gegangen und ich habe geschwiegen. Jetzt erstick ich fast am Selbstmitleid, kann kaum noch atmen und soll Gott auch noch für seine unnachvollziehbaren Pläne dankbar sein? Nein! Mit mir nicht! Tun Sie doch endlich was!“

Der Apotheker schniefte ein schwerfälliges Atmen durch seine von der Brille zusammengedrückten Nasenlöcher, beugte sich ein Stück über die Ladentheke und schaute Jasper tief in die Augen. „Junge“, sagte er, „wenn es den Schmerz nicht gäbe, wie würden wir Menschen dann wissen, wann wir gesund und wann wir krank sind? Niemand wüsste, was Glück bedeutet, wenn wir die Trauer nicht kennen würden. Junge, du bist verliebt und doch wüsstest du es nicht ohne die Übelkeit, ohne das Schwindelgefühl, ohne das Zittern. Und genau deswegen, Junge, bist du kerngesund. Was ich dir verschreiben kann, ist Zeit. Zeit, mein Junge, Zeit – die heilt alle Wunden“, sagte der alte Mann im weißen Kittel mit eindringlicher Stimme, während Jasper ihm wie ein verschrecktes Kaninchen in die Augen starrte. „Uhm…gut…dann hätte ich wohl gerne eine große Flasche voll mit Zeit…uhm ja…Zeit“, stammelt Jasper verwirrt und ging. Ding Dong.

Kategorien: Kurzgeschichte · Life · Love
Mit Tag(s) versehen: ,

7 Antworten bis hierher ↓

Kommentar schreiben