Chrissi’s World

Volljährig, aber nicht erwachsen

Oktober 2, 2008 · 1 Kommentar

Das geeinte Deutschland wird morgen volljährig, erwachsen ist es deshalb noch lange nicht -zumindest sagt mir das mein Empfinden als Kind der ersten Stunde. Obwohl ich zum Tag der Wiedervereinigung gerade mal fünf Jahre alt war und mich an das Leben in der ehemaligen DDR kaum noch erinnern kann, werde ich immer wieder mit zwei für mich surrealen Welten konfrontiert. Auf der einen Seite sind da meine Verwandten, meine Mama, die mir davon berichten, dass damals doch alles gar nicht so schlecht war und die bis heute die West-Hausfrauen belächeln. Auf der anderen Seite: Die Westdeutschen, von denen inzwischen viele liebgewonnene Freunde, ja sogar Familie sind. Noch immer tragen einige von ihnen das Klischee des dummen Ostdeutschen mit dem Spacken-Dialekt und dem Augenkrebs verursachenden Kleidungsstil im Kopf. Für manche sind wir „Ossis“ immer noch so etwas wie kleine gierige Äffchen, die nicht nur instinktiv nach jeder Banane schnappen, sondern auch für so manche wirtschaftliche Misere in Westdeutschland verantwortlich gemacht werden – die Pflegefälle eben, die von der „zivilisierten Welt“ bis heute durchgefüttert werden müssen…

„Du bist ja gar kein richtiger Ossi“, sagen viele meiner Freunde. Das mag daran liegen, dass ich weder sächsle, noch irgendwelche optischen Eigenarten mein eigen nenne. Immerhin meinte eine (westdeutsche) Freundin mal, dass man Ossis schon am Äußeren erkennen könne. Bei mir sei das aber nicht so, beglückwünschte sie mich. Es könnte aber genauso gut daran liegen, dass sie mich kennen und feststellen mussten, dass verallgemeinernde Klischees der Realität eben nicht standhalten können. Ostdeutsche sind eben genauso wenig alle assozial, dumm und rechtsradikal wie Polen alle hinterlistige Diebe sind.

Doch warum sprechen wir nach 18 Jahren eigentlich immer noch von Ost und West? Ist es doch für uns – die Kinder der 80er Jahre – eine so surreale Teilung unseres Landes in zwei Welten. Fest steht: Unsere Eltern haben einen großen Anteil daran, dass Begriffe wie „Zoni“, „Ossi“, „Wessi“, all die schlechten Bananen-Witze und Vorurteile überhaupt existieren.  Nur allzu gut kann ich mich daran erinnern, wie sich meine Mama über das Bild des westdeutschen Ehemannes amüsierte, der seinem Frauchen das Haushaltsgeld ins Sparschwein steckt, damit die sich brav um Haus und Kind kümmert. „Sowas gibt es bei uns nicht, wir gehen für unser Geld arbeiten, wir machen uns nicht so abhängig von einem Mann“, sagte sie immer. Und es hat gefruchtet. Im Leben nicht wäre ich darauf gekommen, das Dasein als Hausfrau und Mutter zu meinem Lebensziel zu erklären. Denn ich habe gelernt: Eine ostdeutsche Frau kann alles – Kochen, Kinder bekommen, Karriere machen. Sie ist strebsam, selbsständig, selbstbewusst, aber nie zu vorlaut.

Heute reist meine Mama, war in ganz Amerika, im warmen Süden, in der Schweiz und wo es sie sonst überall hinzog. „Wenn ich damals die Chance dazu gehabt hätte, wäre ich auch wie du ein Jahr ins Ausland gegangen“, meinte sie immer schwärmend. Als Tochter einer einer Postler-Familie wurde sie von der Stasi bespitzelt. Weil sie den Religionsunterricht vorzog, wurde ihr der Einstieg in den Lehrerberuf verwehrt – mit der fadenscheinigen Begründung, sie sei zu dick – würden ihr die Kinder wegrennen, sei sie ja nicht schnell genug, um sie einzufangen. Heute scheint das amüsant, damals brach für meine Mutter eine Welt zusammen. Und doch betont sie immer wieder, dass am Ende alles gar nicht so schlecht war. „Wir hatten einen Krippenplatz, danach den gesicherten Kindergartenplatz, es gab Hortbetreuung nach der Schule, unser Job war sicher. Kinder und Arbeit? – Damals selbstverständlich“, erklärte sie mir. Heute bangt sie um ihren Arbeitsplatz, das Unternehmen arbeitet akribisch daran, den Kündigungsschutz aufzuweichen.

Es scheint als hätten wir Ostdeutschen unsere Freiheit mit unserer Sicherheit bezahlt und manch einer sehnt sich nach „den guten alten Zeiten“. Aber was heißt hier eigentlich „wir“ und „unsere“? Ich trage den Stempel „Ossi“ und vermag doch nicht zu sagen, was das überhaupt bedeutet. Habe ich mich jemals eingesperrt gefühlt oder hat man mir wirklich etwas von meiner Sicherheit gestohlen?

Was verrät mir mein Gedächtnis? Ja, ich erinnere mich daran, dass im Kindergarten „Zucht und Ordnung“ herrschte. Antiautoritäre Erziehung? Für Ostdeutsche wohl nur ein Synonym für Unfähigkeit. Gegessen wurde, was auf den Tisch kam. Dass mich der Linseneintopf dabei einmal pro Woche zum Erbrechen brachte, interessierte niemanden. Außerdem gab es im Kindergarten den sogenannten „Esel-Hut“ – den mussten sich die Banausen aufsetzen und sich schämend in die Ecke stellen, hatten sie mal wieder die Sandburg eines Spielgefährten dem Erdboden gleich gemacht.

Dann war da noch die vier Jahre ältere Nachbarstochter. Viel Zeit verbrachten wir zusammen und so durfte ich miterleben, wie sie eines Tages ihre Jungpionier-Uniform spazieren trug. Dunkelblau war sie, ein rotes Halstuch gehörte dazu. Irgendwie war mir das immer unheimlich. „Für den Frieden und Sozialismus seid bereit – immer bereit!“, hatte sie auswendig gelernt. Doch warum brauchte es eine Organisation, in der junge Menschen Zeit miteinander verbrachten? Was machten die da überhaupt und wo lag der Unterschied zu den Spiel-Verabredungen mit meinen Freunden? Das habe ich damals nie verstanden und auch selbst nie erfahren.

Erfahren habe ich jedoch die Aufbruchsstimmung. Auch meine Verwandten und ich machten uns zwei Tage nach dem Mauerfall auf nach Berlin. Mit einem Meisel bewaffnet haben wir dort ein kleines Stück aus der steinernen Grenze gehackt. Inzwischen liegt das staubige Stück Historie in Mamas Schrank – als Andenken.

Inzwischen weiß ich aus Erzählungen, dass auch meine Mutter kurzweilig über eine Flucht über Ungarn nachgedacht hatte. Doch sie ist geblieben – bis heute. Bis heute erinnert sie sich daran, wie sie mit ihrem Bruder gemeinsam heimlich Westfernsehen geschaut hat, wie sie und ihre Freundinnen sich illegal den Otto-Katalog beschafft und tausend Mal durchgeblättert hatten. Es scheint fast, als hätte sie umso mehr positive Erinnerungen, umso mehr Zeit vergeht. Erinnerungen, die alle ein bißchen wie eine James-Bond-Parodie anmuten – alles war heimlich, ein bißchen verboten, dafür aber umso spannender. Heute wirkt alles so harmlos. Wie in einer Beziehung, in der man sich irgendwann auseinandergelebt hat, aber doch wohlwollend auf die schönen gemeinsamen Momente zurückblickt.

Ich habe kaum DDR-spezifische Erinnerungen. Für mich war meine Kindheit eine wie jede andere – da gibt es kein Ost und West, auch kein Deutsch oder Nicht-Deutsch. Meine Freunde sind meine Freunde, egal woher, wie alt, welche Hautfarbe oder Sprache. Und doch haben manche bis heute Vorurteile im Kopf, die noch nicht einmal ihre eigenen sind, sondern die ihrer Eltern. Die Republik wird volljährig, doch bis sie wirklich erwachsen ist, wird es wohl noch eine Weile brauchen. Und wenn es soweit ist, werden wir endlich aufgehört haben, einander gegenseitig die Schuld für unsere Probleme in die Schuhe zu schieben. Dann werden unsere Kinder wissen, dass es zwar einst ein geteiltes Deutschland gab, von einem geteilten Volk wird aber keiner mehr sprechen.

Bildquelle: dpa

Kategorien: Gesellschaft
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1 Antwort bis hierher ↓

  • thearcadier // Oktober 3, 2008 um 11:37 | Antworten

    „Wir hatten einen Grippenplatz“. Sicher? Also dem hätte ich ja den Krippenplatz vorgezogen muss ich sagen…*grins*
    Ansonstne wie immer ein netter Artikel, der die Grundproblematik auch recht gut angeht.
    Ich hab mir auch mal ein paar Gedanken gemacht, aber von der anderen Seite…

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