Chrissi’s World

Wenn Rosen wieder duften…

Oktober 3, 2008 · Kommentar schreiben

Einsam lag Shelly auf einer Bank, im Ohr hatte sie das Rauschen des Meeres, während ihr die Strähnen ihres blonden Haares übers Gesicht wehten. Ihre blauen Augen starrten nach oben, in die dunkle Weite. Nur sie und die Sterne, der Rest der Welt schien zu schlafen, die Zeit zu stehen. Tagelang hatte Shelly kein Auge zugetan. Irgendetwas ließ ihr keine Ruhe – es war die Suche nach der Wahrheit…

Wahrheit. So viele Menschen hatte Shelly getroffen, die von sich behaupteten, sie seien ehrlich. Doch genau diese Menschen schenkten Shelly Rosen, die nicht dufteten. Sie besaßen Meerschweine, die das Meer nie gesehen hatten und nannten sie doch Meerschweine. Sie flogen und hatten doch keine Flügel. Waren sie deswegen Lügner? Nein, das alleine machte sie nicht zu Lügnern, und doch hatte diese Welt, die Shelly oft so verrückt und unverständlich erschien, sie offensichtlich ihrer Instinkte beraubt.

Da war sie nun – das blonde Mädchen mit den blauen Augen – auf einer Bank am Deich. Ihr Herz schmerzte. Sie spürte, dass irgendetwas mit der Welt im Argen lag und es raubte ihr den Schlaf. Gemeinsam mit den Sternen wachte sie über das Ufer. Das aufgebrachte Tosen der Wellen erinnerte sie daran, wie sie in Flüssen, Seen und dem Ozean gebadet hatte. Im nächsten Moment dachte sie an die vielen bunten Badekappen, die in grellen hellblauen Hallenbädern planschten. Für eine Sekunde hatte sie den stechenden Geruch von Chlor in der Nase und nahm schnell einen tiefen Atemzug. Shelly war allergisch gegen Chlor, es verursachte ihr einen schrecklichen juckenden Ausschlag.

Nie hatte Shelly verstanden, warum Menschen überhaupt Wert darauf legten, das Natürliche zu imitieren und es mit etwas künstlich Erschaffenem zu ersetzen. Aber eigentlich waren es wohl viel weniger all die Erfindungen, die Mutter Natur ein Schnippchen schlugen, die Shelly störten. Was sie wirklich aufwühlte, war das Gefühl, dass die Menschen zum Ebendbild all dieser Erfindungen geworden waren. Sie waren unecht, wie Rosen eben, die nicht dufteten. Wie Wasser mit Chlorgeschmack. Offensichtlich gab es auf diesem Planeten tatsächlich Menschen, die konnten lieben ohne zu lieben, konnten fühlen ohne zu Empfinden, konnten sprechen ohne zu meinen.

„Vielleicht wollen sie nichts Böses, sie wissen es ja nicht besser, nicht mehr“, dachte Shelly. Manchmal kam es ihr vor, als stamme sie aus einer anderen Welt, anderen Zeit, in der alles anders, vielleicht besser, zumindest ehrlicher war. Sie fühlte sich fehl am Platz. Irgendwie schien jeder dieses Spiel der perfekten Täuschung zu beherrschen, nur hatte man es wohl verpasst, ihr die Regeln zu erklären. „Du bist viel zu ehrlich und überhaupt – du darfst niemandem gleich vertrauen und ihn zu nah an dich ranlassen“, hatte Shellys Freundin immer gesagt. Shelly hatte das nie wirklich verstanden. Konnte man zu ehrlich sein? Und war Misstrauen wirklich das täglich Brot unseres Zusammenlebens? Ihr Herz sendete ein weiteres tiefes Stechen gen Brustkorb. Ja, vielleicht hatte sie nicht nur blaue Augen, sondern war auch besonders blauäugig. Doch wie sollte man eine echte Rose von einer unechten unterscheiden? Dafür musste man sie doch an sich herankommen lassen, daran schnuppern, um ihren Duft wahrzunehmen. Rein äußerlich waren sie schließlich kaum voneinander zu unterscheiden.

Während Shelly grübelte, zischte plötzlich eine Sternschnuppe über das Himmelszelt. Da schloss sie ihre Augen, flüsterte „Ich wünsche mir, dass Rosen wieder duften, dass Wasser wieder salzig schmeckt, dass wir wieder lieben, wieder empfinden, wieder meinen“ und schlief ein.

Kategorien: Kurzgeschichte
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