Chrissi’s World

„Die gebären uns in den intellektuellen Abgrund“

Oktober 13, 2008 · 3 Kommentare

„Eigentlich müssten wir dagegen angebären!“ Mit diesem Satz und lautem Gelächter endete eine der wohl politisch und ethisch unkorrektesten Diskussionen von Shelly und Henk. Galgenhumor nennt man das. Vom Weltschmerz übermannt, hatten die beiden nicht nur das Blatt vom Mund genommen – nein, sie fällten einen ganzen Wald. Ohne Halten, ohne Scham: „Mal ganz ehrlich – diese Assis poppen doch wie die Karnickel – die gebären uns in den intellektuellen Abgrund“, sagte Henk trockener als die Sahara in der Mittagssonne…

„Ach ja – die Welt ist schon manchmal grausam“ – eine dahergesagte Floskel, die Ruhe vor dem Sturm. „Also da überlegt man sich doch ehrlich, ob man noch Kinder in diese Welt setzen möchte – tut man denen das wirklich an“, gab Henk zu bedenken und brachte die Wellen in Gang. „Ja, Henk – und überleg mal – das sagen wir – die, denen es eigentlich gut geht, die einen gewissen Bildungsstand und Perspektiven haben. Und trotzdem – ich würde erst Kinder bekommen, wenn ich vollkommen abgesichert bin – finanziell und emotional“, goss Shelly Öl ins Feuer. Und dann folgte sie – die Sinnflut, die Hetze auf die geistfreien Rammler, die unsere Welt mit ihrem Nachwuchs verseuchen. Warum verseuchen? Weil der Apfel eben meist nicht weit vom Stamm fällt. Und eben darum, weil selbst in einem reichen Land wie Deutschland soziale und finanzielle Benachteiligung oft mit Benachteiligung in Sachen Bildung gekoppelt ist. „Die können ja auch gar nichts dafür – was ist das denn für eine Perspektive, wenn die Eltern einem so ein Dasein vorleben. Und Geld haben sie auch nicht, um ihren Kindern die grundlegenden Dinge zu finanzieren“, begaben wir uns Schritt für Schritt zurück auf den weniger verwerflichen Diskussionspfad.

Wer Auto fahren will, muss unzählige Praxis- und Theoriestunden für einen Führerschein ableisten. Wer deutscher Staatsbürger werden will, muss neuerdings einen Einbürgerungstest bestehen und wer ein Abitur haben will, muss die Lebensdaten von Brecht, Shakespeare & Co. im Schlaf aufsagen, über Sinuskurven und Logarithmen Bescheid wissen und die Hauptstadt von Bolivien kennen. Doch Kinder bekommen – das darf jeder Idiot. Wer macht da bitteschön einen Test, ob der Bewerber überhaupt geeignet ist? Sprechen wir doch davon, dass einem Menschen die Verantwortung für ein anderes Leben in die Hände gelegt wird. Aber nein, Kinder kriegen darf jeder und zwar so viele er will – zumindest in Deutschland.

Dass ein Eignungstest fürs Kinderbekommen aus ethischen, moralischen und organisatorischen Gründen überhaupt nicht durchsetzbar wäre, ist klar. Wer sollte sich auch anmaßen dürfen, über Sein oder Nichtsein zu entscheiden? Niemand. Und dennoch – manchmal wünschte ich, es gäbe einen solchen Test – den Kindern zuliebe. Manche Eltern sind eine wahre Zumutung und der Nachwuchs – der wird es im schlimmsten Fall eines Tages auch.

Ja, ja – ich weiß – notorische Gutmenschen und Verfechter der ewigen Moral werden jetzt einen entsetzten Aufschrei gen Himmel senden. Sie werden die dunklen Kapitel der Vergangenheit auf den Plan rufen und an das Eutanasieprogramm des NS-Regimes erinnern. Sie werden das gefährliche Heranzüchten von Eliten an den Pranger stellen, weil es die Schere zwischen Arm und Reich zunehmend vergrößert. Doch darum geht es nicht. Es geht nicht darum, dass unser Nachwuchs einen IQ wie Albert Einstein haben muss. Worum es geht, sind Familien, die ich in der U-Bahn sehe: Ein völlig überfordertes Pärchen mit vier Kindern. Die Eltern schreien, zerren die Kleinen an den Armen, haben von Schimpfworten geprägte Wutausbrüche und ich frage mich – wenn die sich in aller Öffentlichkeit so aufführen, was geht dann erst in den eigenen vier Wänden ab? Sollten Menschen, die weder finanziell noch emotional oder sozial gefestigt sind, Kinder haben? Können wir das den Kindern zumuten? Und können wir solche familiären Zustände wirklich damit rechtfertigen, dass zur Not ja noch die Super-Nanny zur Hilfe eilen kann? Nein.

Kategorien: Gesellschaft

3 Antworten bis hierher ↓

  • thearcadier // Oktober 14, 2008 um 6:16 | Antworten

    Donnerwetter! Der Artikel gefällt mir richtig gut (die anderen auch, aber der hier ist einer der besten). Und ehrlich gesagt muss ich Dir auch zustimmen. Wenn ich manchmal sehe, wie du das auch geschrieben hast, wer so alles einen Kinderwagen schiebt, da wird einem ganz anders.

  • Henk // Oktober 14, 2008 um 8:18 | Antworten

    Ganz genau…schlimm ist das. Also, thecardier, schnapp dir deine Freundin zeug gegen an! ;)

  • Adam // Dezember 3, 2009 um 8:08 | Antworten

    Hallo Chritin,

    über so etwas wie einen Gebär-Schein habe ich als Jugendlicher auch nachgedacht. Altersbedingt war ich damals freilich noch blind für gesellschaftliche Belange. Und so wundert es nicht, dass ich hauptsächlich meine nächsten Verwandten im Sinn hatte. Das gab mir dann doch arg zu denken …

    Ob der Vaginale Passierschein die erhoffte Wirkung brächte, darf ich allerdings bezweifeln. Es gilt keineswegs als gesichert, dass Assis nur Idioten züchten und vice ver… und umgekehrt. Ist nicht manch großer Denker, Künstler, Wissenschaftler durch widrige Umstände seiner Jugend beflügelt, gar erst erschaffen worden?

    Und versetzen wir uns doch mal eine Sekunde in die Lage der Kinder! Wollen wir ihnen allen wirklich das Gefühl der Entwürdigung aufbürden, das einen jeden befallen muss, der mit 14 Jahren immer noch nicht klüger und reifer ist als seine Eltern? Gottlob, mir blieb’s erspart!

    Ich will nicht verhehlen, dass ich auch aus einem anderen Blickwinkel wenig Hoffnung für den Fick-Pass sehe. Ich meine, was bringen denn die Mamas und Papas Literaten, Pseudo-Künstler, (Kunstgeschichte-)Professoren und Politiker, Werbeheinis und Vertriebler ihren Kindern groß bei? Alles, was sie können: „Den Feind zu verfolgen und zu vernichten! Und sich zu erfreuen am Geschrei der Weiber!“ Toll, das wusste sogar schon Conan, der Barbar. Freilich war der nicht so … kultiviert.

    Ich weiß nicht mehr, wie ich auf diese Seite gestoßen bin, aber es hat Spaß gemacht, Deinen Artikel zu lesen. Auch wenn ich vermuten muss, dass er ernster gemeint war, als ich ihn auffassen will.

    Übrigens habe ich mich nicht bei Deinem Namen verschrieben — steht so im Impressum: Chritin. Ein Schelm, wer da „crétin“ hört. :P

    Bitte meinen Text nicht ernst nehmen! Die Hälfte davon ist inverse Logik — ich weiß nur nicht welche?!

    Grüße
    Adam

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