Die Welt ist eine Scheibe und erstreckt sich im Geiste so mancher US-Bürger von New Hampshire bis Florida. Ja, es gibt sie – Amerikaner, denen man erklären muss, dass Hitler nicht mehr lebt, dass Stockholm nicht in Deutschland liegt und dass in Afrika nicht die gesamte Bevölkerung in Buschhütten ohne fließend Wasser und Strom lebt. Verglichen dazu fühlt man sich hierzulande schnell und gerne als weltgewandter Kosmopolit. Eine solche Illusion lässt sich bestens aufrechterhalten, solange man sich stets am Minimal-Anspruch orientiert. Auch eine Maus ist im Vergleich zu einer Ameise ein wahrer Gigant. Doch wer genau hinschaut, merkt, dass auch wir mit riesigen Scheuklappen durch die Welt marschieren…
Sie können die Sünden eines Josef Ackermann herunterbeten, diskutieren heftig mit, wenn es um das Koalitions-Gerangel in deutschen Landen geht und haben mindestens zehn Argumente, warum Obama der neue Präsident der Vereinigten Staaten werden sollte? Bravo! Brav haben Sie gefressen, was uns die Medien häppchenweise serviert haben und wovon sie meinen, dass es uns zu interessieren hat. Dass dabei das, was gestern noch „Aufreger Nummer Eins“ war, beiläufig unter den Teppich gekehrt wird, fällt den meisten gar nicht mehr auf. Die bessere Story gewinnt jeden Kampf um Zeilenzahl, Sendezeit und Aufmerksamkeit. Und einmal mehr kehrt sie ein – die Zeit des Vergessens.
Hat irgendjemand mal wieder was vom Milchskandal in China gehört? Ich nicht. Dabei ist das noch gar nicht lange her. Aber wen interessiert es schon, wie viele Kinder dort nun genau wegen den Machenschaften der Lebensmittelindustrie sterben mussten, wenn es jetzt um’s liebe Geld geht. Da müssen eben Prioritäten gesetzt werden. Angesichts der Finanzkrise gibt es nun mal Wichtigeres zu vermelden: China und Deutschland wollen wieder zusammenhalten. Vergessen sind die Tibet-Auseinandersetzungen. Großmütig verzeiht der chinesische Staatschef Hu Jintao unserer Bundeskanzlerin das kleine Treffen mit dem Dalai Lama im Kanzleramt. Wie passend, dass das religiöse Oberhaupt der tibetischen Buddhisten gerade erst seine Resignation bekannt gegeben hat. Er habe die Hoffnung aufgegeben, in Gesprächen mit der chinesischen Regierung mehr Autonomie für das besetzte Tibet zu erreichen. Brav!
Auch im Jenseits des Medienschrottes verschwunden: Radovan Karadzic. Was ist denn nun mit dem Mann, der beim Massaker von Srebrenica rund 8000 muslimischen Männer und Jungen ermorden ließ? Dass der ehemalige Serbenführer in Haft ist und vor dem Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagt wurde, haben wir gerade noch so mitbekommen, weitere Meldungen zum Status Quo der Verhandlungen lassen auf sich warten.
Klar, einfach ist die Aufgabe der Medien nicht. Die tägliche Flut an Informationen muss nicht nur gesichtet, sondern auch gewichtet werden. Und da gibt es nun mal Kriterien, nach denen eine Auswahl getroffen wird – Aktualität, Neuigkeit, räumliche Nähe und Relevanz zum Beispiel. Daraus leitet sich auch ab, dass hierzulande drei tote Deutsche bei einem Flugzeugabsturz „mehr Wert sind“ als tausende Inder, die beim Monsun ums Leben gekommen sind. Makaber und traurig, aber wahr. Dass sich die Afrika-Berichterstattung in der Prioritätenliste irgendwo ganz weit unten einordnet, ist bekannt.
Nun mag man manchen Printmedien aufgrund einer limitierten Seitenzahl eine radikalere Themenauswahl nachsehen. Doch muss ich wirklich zum hundertsten Mal lesen, dass die Finanzkrise weltweit Verbraucher verunsichert? Diese Nachricht ist inzwischen schon gar keine Nachricht mehr und doch werden die Medien nicht müde, diese Grundaussage in immer neue Wortgewänder zu verkleiden. Indessen sind im Kongo 20.000 Menschen vor den Rebellen auf der Flucht und keine Mensch weiß es, keine Sau interessiert es. Die Londoner Times hingegen hat da ganz andere schwerwiegende Probleme: Madonnas Scheidung sei „furchtbar langweilig“ und lässt sich daher nur bedingt ausschlachten. Schade aber auch!
Von mangelnder Sendezeit kann im TV wohl kaum die Rede sein. Schließlich ist genug Platz für eine bescheuerte Sitcom und Reality-Show nach der anderen. Nach informativen und hochwertigen Sendungen, die sich mit Themen abseits des Mainstream beschäftigen, kann man dennoch suchen bis die Daumenlähmung durch die Überdosis Zappen eintritt. Ja, da wird lieber die Partnersuche von trotteligen Bauern auf die Mattscheibe geholt, anstatt die Zuschauer darüber zu informieren, was auf der Welt passiert. Da mag man von Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki halten, was man will – man mag ihn arrogant finden und ihm vorwerfen, dass er das Fernsehen gar nicht beurteilen kann, weil er es nicht schaut. Dennoch: Wenn er sagt, Fernsehen sei „Blödsinn“, dann hat er Recht. Wir werden zugemüllt, und wir vergessen – wöchentlich, täglich, stündlich, rund um die Uhr.
3 Antworten bis hierher ↓
thearcadier // Oktober 27, 2008 um 8:14 |
Manchmal lobe ich mir da die Blogoshäre (auch ein dämliches Wort), die ist nämlich noch erstaunlich mainstreamresistent. Hier geht es überwiegend um Klicks bzw. Leser. Natürlich ist es schön, wenn viele die eigenen Artikel lesen, aber wenn nicht – besteht kein Grund gleich zu Heulen, man macht es ja auch ein bisschen für sich.
thearcadier // Oktober 27, 2008 um 8:15 |
Arg, ich wollte schreiben: hier geht es überwiegend NICHT um Klicks…
Anonym // Oktober 29, 2008 um 6:11 |
Danke für diesen Beitrag! Das es im Kongo gar 20.000 Menschen sind die auf der Flucht sind, habe ich auch durch deutsche-welle.de nicht herausgefunden, da lob ich mir chrissi´s blog:)