Zum ersten Mal darf ich stolz sein, aus Sachsen zu kommen. Nach den Endlos-Witzen über den sächsischen Dialekt, der personifizierten Peinlichkeit namens „Sachsen-Paule“ und zahlreichen verscharrten Babyleichen, macht das östlichste Bundesland Deutschlands endlich positive Schlagzeilen. Der Lichtblick am ostdeutschen Horizont: Die neue Pisa-Studie der Bundesrepublik. Die besagt, dass wir Sachsen die neuen Musterschüler der Nation sind. Und so haben die Ostdeutschen nicht nur sämtliche Stadtstaaten wie Bremen, Hamburg und Berlin bei Weitem in die Tasche gesteckt, sondern auch den einstigen Klassenprimus Bayern auf den zweiten Platz verwiesen. Doch wer genauer hinschaut, wird schnell bemerken, dass die Lorbeeren, mit denen wir Sachsen uns jetzt schmücken dürfen, nicht wirklich verdient sind. Denn die Pisa-Studie ist nur eines der zahlreichen Beispiele, die beweisen, wie vortrefflich sich die Realität mit Statistiken verschleiern lässt…
Ja, das geht runter wie Öl – wir Sachsen sind die Meister der Naturwissenschaften, haben ein vortreffliches Lese- und Textverständnis und schaffen es dazu auch noch in 12 anstatt 13 Jahren bis zum Abitur. Da fühle ich mich als gebürtige Chemnitzerin doch gleich doppelt schlau. Zumindest wenn ich mich blind von Statistiken leiten lasse, die keinerlei Begründung liefern, warum etwas so ist wie es ist.
Die Pisa-Studie ist ungefähr so glaubwürdig wie die letzte Arbeitslosenstatistik, die die niedrigste Arbeitslosenzahl seit Jahren bejubelt. Da lehnt sich so mancher Politiker entspannt zurück und philosophiert vom „Märchen Vollbeschäftigung“. Dabei wissen wir inzwischen alle, dass die Statistik nur aus einem Grund zu diesem glorreichen Ergebnis kommen konnte: Beschönigung und Trickserei. Da lassen sich durch Ein-Euro-Jobs, Qualifizierungsmaßnahmen und staatlich geförderte Altersteilzeit mal eben eine gute Millionen Arbeitslose wegmogeln.
Unter den Tisch fallen lässt auch die aktuelle Pisa-Studie so einiges. Dass die sächsischen Schüler plötzlich zu ungeahnten Intelligenzbestien mutiert sind, hat weniger etwas mit der guten Landluft im Osten zu tun, sondern viel mehr mit dem Kulti ohne Multi. Auf den Punkt gebracht: In Sachsen gibt es weitaus weniger Schüler mit Migrantionshintergrund als in anderen Bundesländern. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen: In meiner 12-jährigen Schullaufbahn ist mir sage und schreibe ein Halbpole begegnet. Das war es dann auch schon mit dem Ausländeranteil.
Traurig aber wahr ist nun mal, dass Bildungschancen hierzulande meist an die soziale Herkunft geknüpft sind. Jeder ruft nach einer verstärkten Integration, doch dass nicht wirklich etwas passiert ist, zeigt eine Pisa-Studie, bei der jene Bundesländer mit einem geringerem Ausländeranteil an die Spitze rücken. Bevor Politiker also über verschiedene Schulmodelle diskutieren, sollten sie zuerst dafür sorgen, dass alle die gleichen Vorraussetzungen haben, um am Unterricht teilzunehmen. Was nützt die Ganztagsschule, wenn manche Eltern doch nicht in der Lage sind, die Schulbücher für den eigenen Nachwuchs zu bezahlen? Oder glaubt irgendjemand, dass es sich um puren Zufall handelt, dass Bremen erneut das Schlusslicht im Rennen um den schlausten Nachwuchs ist? Bremen – dazu gehört auch Bremerhaven, eine Stadt mit hoher Arbeitslosenquote und Kinderarmut. Und erneut wird klar: Bildung hat eben auch immer etwas mit Geld zu tun – Geld, das auch die Bundesregierung offensichtlich lieber der Wirtschaft anstatt der Bildung zur Verfügung stellt. Spiegel Online berichtete: „Deutschland investiert nach wie vor zu wenig Geld in Bildung. Der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt sank von 6,9 Prozent im Jahr 1995 auf 6,2 Prozent 2006 und liegt damit weiter unter dem OECD-Durchschnitt, wie aus dem in Berlin veröffentlichten Bildungsbericht 2008 hervorgeht.“
Bildquelle: dpa
2 Antworten bis hierher ↓
Simon // November 19, 2008 um 12:35 |
ot: danke für die aufnahme in deine blogroll, werde mich in kürze in gleicher form revangieren
Mehr Bildung = mehr Geld? « Der rote Hai // November 22, 2008 um 7:03 |
[...] titelten die Online-Magazine. Was wirklich von diesem Ergebnis zu halten ist, damit hat sich Chrissie mal [...]