Chrissi’s World

Chrissi’s Weekend: Die Stadt von „oben“

Dezember 1, 2008 · 3 Kommentare

pict0001Während Maria Mena die am Zugfenster vorbeirauschenden Landschaftsstreifen mit lethargischer Stimmgewalt besingt, empfiehlt der Bahnangestellte den Apfelstreuselkuchen, den mir das Personal mit den roten Halstüchlein und blauer Uniform – so fügt die Stimme aus dem Off hinzu – als Erste-Klasse-Passagier auch gerne an den Platz bringen würde. Doch ich gehöre nicht der ersten Klasse an. In den Genuss von „Sänk ju foar dreffeling wiss Deutsche Bahn“ komme ich dennoch immer dann, als der rasende weiße Blitz mit quietschenden Bremsen an den Bahngleisen zwischen Pott und Nord zum Stehen kommt. 53 Euro kostet mich die semidekadente zweistündige Reise ins Pisa-Verliererland. Doch was tut man nicht alles. Schließlich sollte ich im Bundesland der Verlierer an diesem Wochenende zu den Gewinnern gehören, hieß es…

19. Stock des Vier-Sterne-Hotels. Dubai an der Weser. Prosecco und Stößchen! Beim Blick von der gläsernen Fassade der Lounge für Kapitäne glitzert die Seestadt wie ein schillernder Stern am Himmel der Reichen und Schönen. „Und wahrlich, sie ist schön, wunderschön, diese Stadt“, denke ich. Nicht reich, aber wunderschön. Ehrlich, rau und herzlich zugleich, Menschen, die dir ihre Meinung um die Ohren fleddern – ob du sie nun hören willst oder nicht. Ja, ich liebte Bremerhaven, irgendwie, auf eine unerklärlich Weise.

Während draußen die Lichter des Hafens und der geliebten Stadt funkelten, klitzerte drinnen der Schmuck der ungeliebten alternden Pelzträgerinnen. Rote Lippen, mit brauner Pampe beschmierte Falten, erwartungsvolle Blicke. Noch bevor die ersten Worte über das Mikrofon wanderten, diskutierte der Vereinsvorsitzende und wirre Entertainer der Veranstaltung mit dem Pressefotografen um sein Leben…ähm Ansehen. „Ich und der Sponsor müssen unbedingt mit aufs Foto“, sagte er bestimmt. „Dafür ist kein Platz, es wird nur ein kleines Bild“, erwiderte der Mann mit der Kamera um den Hals. Mürrisches Gebrummel und zwei Anzugträger, die sich trotz allen Widerspruchs hinter die Preisträger drängelten. Als ob es nicht schon peinlich genug  wäre, dass sich die Presse in der Presse selbst beweihräuchert. Breites Grinsen, Klick, Klick, Klick.

Die Laudatoren. Es menschelt. Dritter Preis: Eine jüdische Familie kehrt Jahre nach der Flucht zurück in die Heimat. Zweiter Preis: Armut, Hartz IV, die Tafel, Leid. Erster Preis: Es geht bergauf – ein Bremerhavener hat es geschafft, im Fußball, nach ganz oben, polierte Schuhe und säuberlich gefaltete Trikots in der Spielerkabine, hinter die Kulissen geschaut. Gespannt lauert die Meute auf das, was die vier Jungspunde mit den Blumensträußen in den Händen ihren großzügigen Gönnern zu berichten haben, wie sie ihre Dankbarkeit zeigen, die Honorierung honorieren werden.

„Warum Armut gerade in Bremerhaven ein wichtiges Thema ist, sehen wir in dieser Stadt bereits an den Kleinsten – 42 Prozent der Kinder hier leben unter der Armutsgrenze“, tönte meine Stimme  durch das schwarze Mikrofon. Tausend Dinge, die ich hätte sagen wollen, schossen durch meinen Kopf. Den geschminkten Fratzen wollte ich sagen, dass ein Großteil der Bürger dieser Stadt diesen Saal, in dem wir ausgelassen feierten, in ihrem Leben noch nicht einmal betreten würden. Sie würden nie im Pelzmantel an runden Tischen sitzen, Prosecco schlürfen und zeigen, wer sie sind, was sie haben. Weil sie in einer Welt, in der das Geld regiert, eben nichts sind, nichts haben. Ja, am liebsten hätte ich gesagt, dass ich mich schäme, schäme dafür, dass ich in dieser Runde mit Geld und Blumenstrauß dafür belohnt werde, dass ich einen Monat lang durchgemacht habe, was das täglich Brot anderer ist, die nie für irgendetwas belohnt werden. Doch würde eine auf Krawall gebürstete Schelte etwas bringen? Sollte der erste Platz – die Geschichte eines aufstrebenden Nordlichtes – nicht zeigen, dass es aufwärts ging mit der Stadt, dass wir Mut haben sollen? Doch wer waren eigentlich wir? Bestimmt nicht die, die doch alles hatten.  Die brauchten keinen Mut, denen musste man nicht erzählen, dass Bremerhaven schön war, lebens- und liebenswert. Bremerhaven ist all das. Da war ich ganz ihrer Meinung. Aber eben nicht, weil es sich mit ausreichend Barem in jeder Stadt wunderbar leben lässt, sonder weil diese Stadt etwas Ehrliches hatte, rau und herzlich zugleich war, weil hier Menschen lebten, die dir ihre Meinung um die Ohren fleddern – ob du sie nun hören willst oder nicht. „Danke.“

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3 Antworten bis hierher ↓

  • Daniel // Dezember 2, 2008 um 11:13 | Antworten

    Hach ja, auf so eine Preisverleihung warte ich auch noch – um dann den Reich-Ranicki zu machen. Vorher würde ich allerdings noch den Scheck überweisen, damit mir den keiner mehr weg nimmt ;-)

    Ich sag mal so: Ich habe genau das gleiche gedacht wie du, als ich gelesen hab, wo das Ganze stattfand. Die Presse verleiht sich einen Preis in einem Luxushotel…der fade Beigeschmack lässt sich auch nicht mit Prosecco vertreiben.

    Aber so ist diese Medienwelt. Verlogen vor allem. Ich weiß natürlich nicht, wie die Geschichte über den aufstrebenden Fußballer war und als Zweitplatzierter hätte ich vermutlich auch meinen Mund gehalten. Aber wenn ich damit auf Eins und jemand mit einer Armutsgeschichte, die Entbehrungen verlangte, hinter mir gelandet wäre, dann hätte ich einen Aufstand gemacht. Über die Verlogenheit dieser Veranstaltung und das Gehabe dieser ganzen mediengeilen Leute.

    Das Problem ist dann halt, dass man seine Karriere in B-Haven auch gleich vom Steg in die Nordsee hätte werfen können. Als junger, aufstrebender Journalist kann man es sich – vor allem nicht in der momentanen Situation – erlauben, aufzmucken.

    Deshalb war „Danke“ auch die einzige richtige Reaktion.

  • Daniel // Dezember 2, 2008 um 11:14 | Antworten

    Korrektur im letzten mehrzeiligen Absatz: Man kann es sich als junger, aufstrebender Journalist NICHT erlauben, aufzumucken.

  • lesenswert « wenn Amis in Norddeutschand einfallen // März 7, 2009 um 5:57 | Antworten

    [...] Comment! chrissi`s weekend – die stadt von oben [...]

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