Chrissi’s World

Brüssel für Skeptiker

März 1, 2009 · 2 Kommentare

brussel-2In Brüssel wird viel gequatscht, aber es passiert nichts? Die Debatten der EU-Minister haben den Unterhaltungswert eines Kaffeekränzchens im Altersheim? Und ohnehin ist die belgische Hauptstadt das Zentrum öder Anzugträger, aber von einer boomenden Metropole so weit entfernt wie China von den Menschenrechten? Vorurteile, die ich bis vor zwei Tagen wohl ohne viel Gegenwehr unterschrieben hätte. Doch mein letzter Wochenendtrip hat mich eines besseren belehrt. Was Brüssel wirklich ist? Ein Mekka für Comic-Fans, Plattenliebhaber, Schokoladen-Gourmets, Biertrinker und Antiquitätensammler. Und eben auch für Politikinteressierte…

Ankunft, Brüssel Midi. Der Geruch von Urin brennt in meiner Nase.  Außerdem liegt angesichts der unzähligen überdimensional großen Hundehaufen die Vermutung nahe, dass Vierbeinern  hierzulande Abführmittel verabreicht werden. Brüssel – eine große Kloake? Nein, im Brüsseler Europaviertel – zwischen gläsernen Palästen, die weit in den Himmel ragen – erinnert nichts an die Latrine. Naja, fast nichts. Ein so genanntes Stehklo ist hier nämlich doch ein großes Thema.  Als solches hat Künstler David Cerny das Land Bulgarien in seinem kontroversen EU-Kunstwerk dargestellt. Eine riesige Installation im Brüsseler Ratsgebäude, das jedes der 27 EU-Länder auf provokante Weise darstellt: Die Slowakei als Salami mit ungarischer Fahne, Österreich als grüne Wiese mit vier AKW-Kühltürmen, entropaDeutschland als Autobahnkreuzung, in die das geeichte Auge durchaus ein Hakenkreuz interpretieren könnte. „Das Werk sollte die 27 EU-Staaten mit Stereotypen ins Lächerliche ziehen, um so auch Barrieren im Denken der Leute zu verspotten“, hieß es. Für die Bulgaren war das aber wohl doch etwas zu viel der künstlerischen Freiheit.  Ein schwarzes Tuch hüllt inzwischen den Skandal „Stehklo Bulgarien“ ins Mäntelchen des Schweigens.  Auch EU-Vorsitz Tschechien hat bereits Asche auf das eigene Haupt gegossen und sich offiziell entschuldigt.  Tschechien hatte das Werk in Auftrag gegeben und sich über Cerny scheinbar genauso wenig erkundigt, wie einst McCain über Palin. Schließlich ist Cerny als umstritten bekannt und machte auch diesmal seinem Namen alle Ehre. Ursprünglich hatte der Künstler nämlich behauptet, die Länderporträts seien durch Künstler aus den jeweiligen EU-Staaten gefertigt worden. Doch tatsächlich stammt die gesamte Installation aus der Feder Cernys. Und so war das Kuckucksei gelegt – inmitten des Ratsgebäudes.

Glücklicherweise werden in Brüssel nicht nur die Kunst-Befindlichkeiten einzelner Länder erörtert. „Es gibt hier viele spannende Themen“, findet AFP-Brüssel-Korrespondent Phillipp Saure. „Die Guantanamo-Geschichte zum Beispiel“, sagt er. Womit sich die 27 Innenminister der EU-Staaten auseinandersetzen müssen, ist simpel zusammengefasst: Obama schließt das US-Gefangenenlager und irgendwo müssen die Ex-Häftlinge hin. Und da soll nun auch die EU in die Pflicht genommen werden. Doch so simpel die Frage, so schwierig eine klare und geschlossene Antwort der 27 Länder. Während Frankreich sich offen zeigt, weigern sich Österreich, Schweden, Dänemark und die Niederlande, Inhaftierte aufzunehmen. Doch Politik in Brüssel ist nicht nur auf EU- sondern auch auf Landesebene schwierig. Hinweise auf die Zersplitterung finden sich an jeder Straßenecke: Straßenschilder, Speisekarten, Haltestellendurchsagen sind zweisprachig, in Französisch und Niederländisch. Die flämische Bevölkerung im Norden, der französische Süden mit einer Mehrheit in der Hauptstadt Brüssel und einer kleinen deutschsprachigen Bevölkerung im Osten bilden einen ständigen Konfliktherd. Um für mehr Ruhe zu sorgen, wurde die Staatsorganisation in den 70er Jahren dezentralisiert und 1993 ein Bundesstaat gegründet. Doch die verschiedenen politischen Interessen der einzelnen Parteien  sorgen für ein anhaltendes Durcheinander in der belgischen Politik.

Brüssel selbst wird vor allem durch den flämisch-wallonischen Konflikt zerrüttet. Die vorwiegen französischsprachige Hauptstadtregion ist von allen Seiten von der niederländischsprachigen Region Flandern umschlossen. Die direkten Umlandgemeinden besitzen teilweise ebenfalls große französischsprachige Bevölkerungsgruppen, die größere Rechte oder eine Eingliederung in die Hauptstadtregion Brüssel verlangen. Die flämische Seite lehnt eine Ausgliederung dieser Gemeinden jedoch ab.

Doch so viel Streit es auch geben mag, in einem dürften sich die Belgier dann doch einig sein: Sie lieben ihre Schokolade und ihr Bier.  In kaum einem anderen Land weltweit gibt es so viele Biersorten. An das gute alte deutsche 8Reinheitsgebot ist dabei zwar nicht zu denken, dafür gibt es aber alle erdenklichen Geschmacksrichtungen von Kirsch bis Himbeere. Dabei ist nicht nur der Zucker- sondern auch der Alkoholgehalt (rund 9%) um einiges höher. Und wenn wir schon mal bei Kalorienbomben sind, ist der Sprung zur Schokolade nicht weit. Die Belgier zelebrieren ihre „süße Kunst“ in Form von Schokoladen-Springbrunnen, Trüffelkugeln und allerlei Arten von Pralinen, wobei ein Schachtel mal locker 50 Euro kosten kann. Aber „teuer“ ist in Brüssel ohnehin Definitionssache. Denn im Gegensatz zu Deutschland sind vor allem die Lebensmittelpreise enorm. Doch die Belgier scheinen eine Leidenschaft für die schönen Dinge des Lebens zu haben. Genussmenschen eben. Und zum Genuss gehören nicht nur Essen und Trinken sondern auch gute Musik (viele Plattenläden), alte Skulpturen und Möbel (unzählige Antiquitäten-Geschäfte), sowie Literatur. Literatur aber nicht in Form von Goethe, Schiller & Co. Angesagt sind Comics. Schon König Baudoin gehörte zu den bekennenden Comic-Fans. Kein Wunder: Viele international berühmte Comiczeichner und Autoren kommen aus Belgien. Die Schlümpfe, Tim und Struppi, Marsupilami, Spirou und Fantasio – sie alle stammen aus dem Benelux-Staat. Comics – in jeder belgischen Buchhandlung und jedem größeren Supermarkt ein Muss. Sie gehören zu den  Hauptexportartikeln belgischer Verlage und an belgischen Kunsthochschulen gibt es sogar einen eigenen Comic-Studiengang. Dass die bunten Zeichnungen als Kunst gesehen werden, untermauert das Centre Belge de la Bande Dessinée – ein Brüsseler Comic-Museum über drei Etagen.

Ob Comics nun wirklich große Kunst sind oder nicht, 10darüber lässt sich streiten. Fest steht jedoch, dass Brüssel weitaus mehr zu bieten hat als die dröge EU-Berichterstattung, die normalerweise über den Bildschirm zu uns gelangt. Und wer schon immer etwas für Paris übrig hatte, der wird gewiss auch Brüssel ins Herz schließen. Vor allem im historischen Stadtkern mit dem Grand Place und der Rue des Bouchers dürfte es Architektur-Freaks und Romantikern warm ums Herz werden. Und wer dann immer noch nicht begeistert ist, sollte vielleicht doch ein paar belgische Pralinen oder Brüsseler Waffeln naschen und eine Portion belgische Fritten verdrücken. Denn wie sagt man so schön: Liebe geht durch den Magen.

Kategorien: Gesellschaft
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2 Antworten bis hierher ↓

  • Stefan A. Siegle // März 17, 2009 um 3:57 | Antworten

    wunderschöner hätte man Brüssel/Brussels/Bruxelles nicht beschreiben können!

    Noch eine kleine Anekdote zum Flämisch-Wallonischen Konflikt: Ich hatte letztes Jahr das Vergnügen, etwas mit Berni Collas zu plauschen, der als Senator im Belgischen Senat sitzt. Auf meine Frage hin, wie er als Liberaler denn so zur Monarchie stehe hat er mir geantwortet, dass er sie prinzipiell ablehne. Aber seiner Ansicht nach Spiele sie im heutigen Belgien eine wichtige Rolle. Sie ist neben dem Sprach-Inselstatus Brüssels nämlich das einzige, was Belgien noch zusammenhalte, so groß seien die Sezessionsbestrebungen beider Sprachgruppen. Damit hab ich nicht gerechnet…

  • chrissi2411 // März 20, 2009 um 10:33 | Antworten

    Japp – mir war vorher auch nich klar, wie groß diese Konflikte wirklich sind und erstaunlicherweise scheinen auch viele junge Belgier dafür zu sein, Flandern und die Wallonie einfach zu trennen, weil sie den Konflikt so leid sind.

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