Chrissi’s World

Skandal auf hoher See

März 2, 2009 · 3 Kommentare

pirateWürde ein Lehrer Schulschwänzer disziplinieren, indem er sie vom Sicherheitspersonal zum Unterricht schleppen und sie dort an die Stühle fesseln lässt, wäre das nicht nur pädagogisch wenig wertvoll, sondern es würde auch die Ursache des Problems nicht ansatzweise bekämpfen. Mal ganz davon abgesehen, dass ein solcher Lehrer sofort seinen Job verlieren und die Empörung sämtlicher Eltern auf sich ziehen würde. Welch Glück, dass Politiker da weniger kritisch beäugt werden. Und wenn es darum geht, was die nun meinen, welche „disziplinarischen Maßnahmen“ für das Piraten-Problem vor der somalischen Küste angebracht sind, interessiert das die meisten ohnehin herzlich wenig. Und das, obwohl die Vorgehensweise dem Beispiel des rabiaten Lehrers doch ziemlich nahe kommt…

Die Welt ist so schön einfach, wenn man sie in Schwarz-Weiß sieht: Die Piraten vor Somalia sind die Bösen. Sie haben unzählige Schiffe gekapert und den Golf von Aden somit an die Spitze der weltweit gefährlichsten Gewässer katapultiert. Und weil dem „Böse“ eben auch immer ein „Gut“ gegenübersteht, schickten über 20 Länder weltweit ihre Kriegsschiffe in die Gewässer rund um Somalia, um dort die Seefahrt zu sichern. Die USA, Europa, Russland, China und Indien – sie alle spielen sich als Sittenwächter auf und geben dafür horrende Summen aus. Inzwischen sind die Kosten für den Flottenaufmarsch sogar höher als die Summe aller im vergangenen Jahr gezahlten Lösegelder (rund 100 Millionen Dollar). Dass die Ausgaben für das Militär selbstverständlich weit über den Ausgaben für humanitäre Hilfe zugunsten der notleidenden somalischen Bevölkerung liegen, muss wohl nicht erwähnt werden. Bestes Beispiel ist Deutschland:  43,1 Millionen Euro sollen in diesem Jahr in die Bekämpfung der Piraterie gesteckt werden, für die humanitäre Unterstützung Somalias hingegen wurden 2007 nicht einmal 10 Millionen Euro ausgegeben. Aber was will man auch erwarten – schließlich will man „die Bösen“ bekämpfen. Da kann man sich eben nicht auch noch ausreichend um die Armen und Schwachen kümmern. Prioritäten setzen eben.

Allerdings scheint dabei niemand so recht in Betracht zu ziehen, dass das Eine durchaus mit dem Anderen zusammenhängen könnte: Böse, weil arm und schwach. Aber vielleicht will man es auch einfach nicht in Betracht ziehen, denn dann würde so manches Land sich nämlich ganz schnell an die eigene Nase greifen müssen. Viele der Piraten sind ehemalige Fischer, frühere Mitglieder der inzwischen kaum noch existenten Küstenwache und schlecht bezahlte Soldaten. Menschen ohne Perspektive. Menschen, die nichts zu verlieren haben. Und an der Perspektivlosigkeit und Armut der Somalis sind viele westliche Länder nicht ganz unschuldig. Ein Punkt ist die Raubfischerei. „Schätzungen zufolge agieren pro Jahr 700 bis 800 Fangschiffe illegal und zudem mit verbotenen Mitteln in Somalias Gewässern, darunter auffallend viele unter der Flagge der kleinen mittelamerikanischen Republik Belize. Oft handelt es sich dabei in Wirklichkeit um französische und spanische Schiffe, die auf diese Weise sehr bequem und unangreifbar EU-Bestimmungen umgehen“, schreibt die Junge Welt. Der Wert des Raubfisches: etwa eine Milliarde Dollar pro Jahr. „Auf diesem Weg geht den Somalis mehr Protein verloren als durch die Lebensmittelhilfe herein kommt“, heißt es in Knut Mellenthins Artikel.

Und er führt einen weiteren Punkt an, warum andere Länder mitschuldig am Elend der somalischen Bevölkerung sind: die Giftmüll-Entsorgung. Warum 250 bis 1000 Dollar für die sachgerechte Entsorgung einer Tonne Giftmüll in Europa oder den USA zahlen, wenn man das Zeug in Somalia doch schon für 2,50 Dollar im Meer versenken kann? Das dachte sich sowohl die Schweizer Firma Achair Partners als auch das Unternehmen Progresso aus Italien. Beiden kamen in Umweltschützer Anfang der 90er Jahre auf die Spur. „In großer Zahl wurden Fässer, zum Teil schon durchgerostet und zerbrochen, an Land gespült, in denen sich radioaktive und andere hochgiftige Stoffe befanden. Mit Mafiamethoden arbeitende ausländische Unternehmen hatten sie im Laufe der Jahre illegal im Meer vor Somalia versenkt. In der Folgezeit traten – einem UN-Bericht zufolge – bei der Küstenbevölkerung gehäuft Atemwegsinfektionen, Mundgeschwüre, Darmblutungen und ungewöhnliche Hautkrankheiten auf“, schreibt Mellenthin. Die Drahtzieher dieses organisierten Verbrechens werden nur im seltensten Fall gefunden. Die politisch instabilen Verhältnisse in Somalia begünstigen die Arbeit der Giftmüllmafia zusätzlich. Betroffen ist übrigens nicht nur Somalia: „Auch viele andere Länder Afrikas sind Opfer solcher verbrecherischen, menschenverachtenden Praktiken.“

Aber wen interessiert das schon. Geht ja nur um Somalia und seine bösen Piraten und da verlangt man von Politikern scheinbar weder pädagogisch, geschweigedenn moralisch wertvolles Handeln. Schließlich ist die Welt in Schwarz-Weiß so schön einfach. *kotz*

Bildquelle: photocase

Kategorien: Gesellschaft
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3 Antworten bis hierher ↓

  • thearcadier // März 2, 2009 um 1:24 | Antworten

    Guter Beitrag. Habe das auch schon vor einiger Zeit gelesen, was es mit den Piraten eigentlich auf sich hat und war auch erschüttert. Viel effektiver wäre es, wenn man den Menschen erstmal helfen würde, ihr Leben auf die Kette zu bekommen und sie dann beim Aufbau einer funktionierenden Infrastuktur mit Dienstlesutungen, Handwerk usw unterstützen würde.

  • captain // März 2, 2009 um 6:02 | Antworten

    Naja, als so „arm“ würd ich die Piraten nicht bezeichnen. Aber in den Grundzügen stimme ich den Kerngedanken des Artikels zu.

  • chrissi2411 // März 2, 2009 um 6:52 | Antworten

    Die Drahtzieher hinter den Piraten sind sicher nicht arm. Aber die sitzen auch nicht in Somalia, sondern in aller Welt und kassieren dort die Kohle und sorgen dafür, dass neue Schnellboote und Waffen finaziert werden. Aber die, die dort wirklich den Kopf hinhalten und die Schiffe kapern, das sind die armen Schweine – die machen sich die Finger dreckig, während sich andere die Taschen voll machen.

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