Chrissi’s World

Wie es euch gefällt

März 12, 2009 · 3 Kommentare

cheIch glaub, ich seh nicht richtig! Der Typ da drüben im Che-Guevara-Shirt, genau der – den kenn ich doch! Ja, die schmächtige Gestalt mit dem Basecap auf dem Kopf war mir schon zuvor ins Auge gefallen. Leider nicht etwa wegen überdurchschnittlich gutem Aussehen. Ganz im Gegenteil: Bisher hatte er von mir nur angewiderte Blicke wegen seiner Thor Steinar Klamotten geerntet. Rechtes Pack, schimpfte ich jedes Mal vor mich her. Und einmal mehr stellte er seinen nicht vorhandenen Verstand öffentlich zur Schau. Diesmal war es Che, der dran glauben musste. Aber der ist das ja gewöhnt, dachte ich mir…

Noch nie hatte ich verstanden, was die Che-Plakate in Jugendzimmern zu suchen hatten. Nun gut – dass Nazis sich die Dinge so hinbiegen, wie sie ihnen gerade in den Kram passten, ist wenig ungewöhnlich. Für die ist Che einfach nur der antiamerikanische Nationalist. Doch woher kamen all die Jusos, die das Abbild des kubanischen Volkshelden bei Demonstrationen auf wehenden Fahnen durch die Straßen trugen?

Woher kommt eigentlich dieser Che-Mythos? Das frage ich mich bis heute. Ja, spätestens als der Geschichtslehrer in der 7. Klasse über die Invasion in der Schweinebucht referierte, wusste auch ich, wer der bärtige Mann mit dem roten Stern auf der Baskenmütze war, den ich bereits auf so vielen Feuerzeugen, Postern und T-Shirts gesehen hatte. Ernesto Che Guevara. Freiheitskämpfer, Revolutionär, romantischer Held – zu all dem wurde er erklärt.  Und so schienen anfangs vor allem Linke Gefallen an dem Volkshelden als Symbol, als Mythos gefunden zu haben.

Doch weil man in den guten Che eben so alles Mögliche hineindeuten kann, trägt nun auch der Typ mit den Thor Steiner Klamotten den Sozi-Look. Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit bis er auch das Pali-Tuch um den eigenen Hals drapiert – als Symbol der Solidarität gegenüber den Palästinensern, die von den bösen Juden unterdrückt werden, versteht sich.

Schade, dass keiner der Che-Fans im Geschichtsunterricht so richtig aufgepasst zu haben scheint. Denn ansonsten wüssten sie wohl auch, dass es neben all der Deutungsfreiheit eben auch allerlei unabwendbare Fakten gibt: Che
Guevara war für Hunderte Exekutionen von Regimegegnern, brutale Folter und die Errichtung von Arbeitslagern verantwortlich. Und dass die Atombombe damals nicht gezündet wurde, fand der Che auch gar nicht witzig. Doch die Geschichte, die Zeit – sie verklärt so einiges.  Wie lautete nochmal der letzte Satz des „Bader-Meinhoff-Komplex“? – „Hört auf sie so zu sehen, wie sie nicht waren!“ Wie passend.

Auch passend: Die Worte, die Michael Miersch in dem Buch „Schöner Denken. Wie man politisch unkorrekt ist“ (Piper 2007) zu Che Guevara fand:

„Das ‘Bambi’ der korrekten Gesinnung. Manche Tiere werden von allen geliebt. Selbst wenn sie wie Koalabären zur Plage werden, darf man ihnen nichts tun, weil sie zu niedlich sind. Im Naturschutz heißt dieses Phänomen ‘Bambi-Syndrom’. Che-Guevara-Kult ist politisches Bambi-Syndrom. Jeder weiß, dass der Kommunismus ein Nebelreich der Armut und der Unterdrückung war (und in Kuba noch immer ist). Jeder weiß, dass der lateinamerikanische Guerillakampf ein grausames Spiel ideologischer Fantasten war. Und dennoch: Che gilt als kuchengut. Während seine Geisterverwandten längst von ihren Betonsockeln gestoßen worden sind, prangt Che weiter auf T-Shirts und Postern, eröffnen Bars und Cafés mit seinem Namen, tragen Uhren und Weinflaschen sein Konterfei.

Ein totalitärer Killer wird als Freiheitskämpfer verehrt. Pazifisten schleppen das Bild eines Mannes mit sich, der den dritten Weltkrieg herbeibomben wollte. Che, der kollektivistische Unterordnung und eiserne Disziplin predigte, steht in der Popkultur für rebellischen Individualismus. Der Spinat-Mythos war auch so ein zähes Missverständnis. 1890 unterlief einem Chemiker ein Kommafehler. Aus 2,2 Milligramm Eisen pro 100 Gramm machte er 22. Noch 100 Jahre danach zwangen Eltern ihre Kinder zum Spinatessen, weil Eisen gut sei. Der Kommafehler bei Guevara war das Foto des Alberto Korda, auf dem der Comandante mit wehendem Haar unterm Barett ins Unendliche blickt. Eine Ikone des jugendlichen Nonkonformismus war geboren. Styling und Accessoires wurden millionenfach kopiert: Lange Haare (Beatles), Dreitagebart (Udo Walz), Zigarre (Schröder). Wie sagte doch Sartre: ‘Che war der vollendetste Mensch unserer Zeit.’

Diese wundersame Verwandlung fand schon zu Lebzeiten statt und triumphierte kurz nach seinem Tod. Auf ihn konnten sich alle einigen. Che, das war der Hippie mit der Knarre, der Rebell mit karibischer Wärme. Hatte er nicht mal gesagt, Kuba sei ‘Sozialismus mit Cha-Cha-Cha’? Klingt irgendwie liberal.“

Bildquelle: photocase


Kategorien: Gesellschaft
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3 Antworten bis hierher ↓

  • thearcadier // März 18, 2009 um 1:56 | Antworten

    Hey das Buch „Schöner Denken“ hab ich auch. Habe mich bei der Lektüre sehr amüsiert, wie sehr wir doch heute versuchen, bloß alles richtig zu machen und niemanden vor den Kopf zu stoßen. Dass aber gerade dieser Versuch arg in die Hose geht, scheinen nur wenige wirklich wahrhaben zu wollen.

    Was diese ganze Mode-Erscheinung um Che angeht, hat David Harnasch mal eine Bildschirmarbeit gemacht. Die werde ich mal suchen.

  • thearcadier // März 18, 2009 um 2:19 | Antworten

    So, hier ist er:

  • chrissi2411 // März 20, 2009 um 10:22 | Antworten

    Hey da haben wir ja schon zwei Mal dieselben Goldschätze ausgebuddelt – das Buch ist großes Kino und die Beiräge von David Harnasch sowieso.

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