„Dass Menschen Individuen sind, das ist die größte Lüge des Abendlandes“, pflegt mein Ethik-Professor zu sagen. Und auch wenn ich mir spätestens seit des Seminars, in dem er Erstsemester-Studierende Bäume umarmen ließ, nicht mehr ganz sicher bin, ob ihm die Rolle des abgedrehten Gurus nicht besser zu Gesicht stehen würde als die des Professors, so hat er doch in gewisser Weise Recht. Wir sind nicht einzigartig. Nein, wir sind weit entfernt von diesem sagenumwobenen „Selbst“, das weder Hirnforscher noch Philosophen bisher zu verorten mochten. Selbstverständlich sind die Gedanken und Emotionen zweier Menschen in derselben Situation nicht immer dieselben – das sind sie im seltensten Fall. Und es wird wohl auch niemand bestreiten wollen, dass wir so etwas wie eine „Persönlichkeit“ besitzen. Dennoch sind wir eine Gesellschaft voller Copy-Cats. Wir kopieren, stilisieren, reproduzieren und kreieren somit nicht nur Vorbilder, Idole, Mythen und Kultfiguren, sondern auch die Abgründe der Menschheit. Diese Abgründe kosten manchmal Menschenleben – so wie beim Schulmassaker in Winnenden…
Individuen – das sind wir. Aber nur angeblich. Und weil wir dieser „größten Lüge des Abendlandes“ dermaßen verfallen sind, werden Menschen von Geltungssucht, der Gier nach Aufmerksamkeit heimgesucht. Manche machen sich dafür bei diversen Casting-Shows zum Affen, andere lassen sich die Brüste aufpumpen und wieder andere sind einfach nur bunt und schrill, besonders laut und extrovertiert oder eben auch besonders klug und erfolgreich. Und dann gibt es eben welche, die sind nichts von all dem. So scheint es kaum verwunderlich, dass gerade die Unauffälligen – also die, denen es an Aufmerksamkeit am meisten fehlt – hin und wieder bereit sind, auch auf schrecklichste Art und Weise die gewünschte Beachtung zu suchen.
Stellt sich die Frage, ob die Beachtungsschenkenden dann nicht auch eine Mitschuld tragen. In Sachen überschwängliche Beachtung haben wir uns hinsichtlich der weltweiten Schulmassaker in jedem Fall schuldig gemacht. Nicht nur die internationalen Medien haben sich jedes Mal überschlagen. Das School Shooting in Littleton an der Columbine Highschool schaffte es dank Michael Moore (Bowling for Columbine) und Gus Van Sant (Elephant) sogar zwei Mal auf die große Leinwand. Auch weitere Amok-Läufe in den USA, Finnland und Deutschland wurden uns in den Abendnachrichten, Sondersendungen und unzähligen Hintergrundberichten brühwarm serviert.
Auch jetzt ist die Scheiße wieder ordentlich am Dampfen. Verzweifelte Reporter schleichen durch die Kleinstadt Winnenden und halten jedem, der bei Drei nicht auf den Bäumen ist, ein Mikro unter die Nase. Kannten Sie den Täter? Nein? Macht nichts! Sagen Sie trotzdem was! Und so referiert der einstige Fahrschullehrer des Tim K. im öffentlich-rechtlichen Fernsehen darüber, das der Amok-Schütze ein verwöhnter Bengel gewesen sei und sich noch nicht mal über die Pferdestärken seines Neuwagens in Papas Garage informiert habe. Zwei Jungs, die dem Tim K. in der Fahrschule irgendwann Mal zufällig über den Weg gelaufen sind, dürfen außerdem zum Besten geben, dass dieser „Strebertyp“ keine Markenklamotten getragen habe. Einschneidende Erkenntnisse nennt sich das dann. Auch in so genannten „Polit-Talkshows“ darf jeder Möchtegern-Experte seine ganz persönliche Sicht der Dinge zum Besten geben. In den Lokalmedien hingegen gibt man sich größte Mühe, das Ganze „auf die lokale Ebene runterzubrechen“. Dann stiefelt jeder dritte Lokalredakteur zum Schützenverein und fragt nach, ob die sich denn jetzt nicht auch irgendwie schuldig fühlen müssen. Die Presse läuft Amok – dem Amok sei Dank. Und wir? Wir haben hingeschaut, eingeschalten, angeklickt, Sonderseiten gewälzt – jedes Mal.
Doch hätten wir wegschauen sollen? Totschweigen kann nicht die richtige Lösung sein, um Schreien nach Aufmerksamkeit das Echo zu verwehren. Denn ein Echo auf das Geschehene ist nicht nur logisch, sondern auch notwendig. Doch dieses Echo muss nicht laut hallen, sondern vor allem dort ertönen, wo es hingehört. Nämlich dort, wo sachlich und wirkungsvoll diskutiert und agiert werden kann. Ansätze gibt es gewiss viele: Mehr Psychologen in Schulen, mehr Anerkennung und Austausch über Probleme – auch innerhalb der Familien. Auch die Überlegungen, das Waffenrecht weiter zu verschärfen und diverse Killerspiele noch mal genauer unter die Lupe zu nehmen, mögen ihre Berechtigung haben. Doch solange wir den Verzweifelten und (Ver)Irr(t)en dieser Gesellschaft weiterhin ein so schrilles Echo auf ihre Gräueltaten gewähren, werden alle noch so sorgfältig ausgeklügelten Maßnahmenkataloge weitere Schulmassaker nicht verhindern. Denn egal wie viele nützliche Vorkehrungen man auch treffen mag, so haben die Täter (und die, die es werden könnten) doch erreicht, was sie wollten: Aufmerksamkeit, endlich im Mittelpunkt stehen.
Proportional zur Sensationsberichterstattung über die Ereignisse wächst auch die Anhängerschaft der Täter. Die Videos auf Youtube & Co., in denen Menschen wie Tim K. zum Helden erklärt werden, mehren sich. Dass das eine gefährliche Rolle spielt, beweist die Tatsache, dass die Schützen der Vergangenheit auch immer wieder auf einander Bezug genommen haben.
Und so sollten wir uns noch einmal ins Gedächtnis rufen, dass Menschen keine Individuen sind - sie sind Nachahmer, die Orientierung, Aufmerksamkeit und Anerkennung suchen. Leider finden sie all das auch auf der dunklen Seite, in den Abgründen der Menschheit, die wir durch unsere Sensationslust selbst geöffnet haben. Diese wieder zu schließen, könnte schwierig werden. Doch vielleicht wäre es ja schon mal ein Anfang, dauerhaft ein Auge auf die Schulpolitik zu haben, anstatt erneut den Fahrschullehrer des nächsten Tim K. mit seinen unqualifizierten Aussagen vor die Kamera zu zerren. Wegschauen in Maßen eben.
3 Antworten bis hierher ↓
captain // März 23, 2009 um 6:16 |
Ich würde gerne deine/eure Definition von Individuum und Individualist hören … um zu begreifen warum wir keine Individuen sind …
chrissi2411 // März 23, 2009 um 11:39 |
Das war auch meine erste Frage, als unser Prof lauthals verkündete, die Existenz von Individuen sei die größte Lüge. Was sind wir dann, fragt sich. Es hat etwas gedauert, bis ich hinter seinen Gedanken gestiegen bin und ich gebe ihm Recht: Menschen sind in der Hinsicht keine Individuen, dass sie alleine nicht existieren/ überleben könnnten. Das konnten sie nie und werden sie nie können. Dabei muss ich auf seine weiteren (eher abgedrehten) Theorien von morphischen Schwingungen etc. gar nicht eingehen. Denn richtig ist meiner Meinung nach: Kein Mensch ist so, wie er ist, weil er individuell/ ein Individuum ist, sondern weil sein Umfeld, seine Mitmenschen ihn dazu gemacht haben. Verhaltensformen, Charakterzüge, Einstellungen enstehen nicht aus unserem Inneren, sondern vor allem aus zwischenmenschlicher Interaktion. So etwas wie ein wirkliches Individuum existiert also gar nicht. Dabei bestreite ich naürlich nicht (steht ja auch im Text), dass Menschen unterschiedlich sind. Nur ist „individuell“ wohl ein Wort des allgemeinen Sprachgebrauchs, dass dieser Eigenschaft nich ganz gerecht wird.
captain // März 24, 2009 um 7:27 |
Ja, der Gedanke steht und fällt mit der Definition. Ich überleg mal ein bisschen weiter und schreib später dazu was.