„Jedes Geheimnis, das man mitteilen will, erfordert eine Freundschaft“, schrieb Balzac einst. Damals ahnte der französische Schriftsteller wohl noch nicht, dass sich etwa 140 Jahre nach seinem Ableben ein digitales Informationsnetz namens „Internet“ auf den Weg machen würde, um die Welt zu erobern. Heute, 20 Jahre nach der Erfindung des „World Wide Web“, braucht es längst keine Freundschaft mehr, um die Abgründe der eigenen Seele zu offenbaren. Im Netz finden sich unzählige Seiten, Blogs und Foren, in denen Menschen ihre dunkelsten Geheimnisse einer anonymen Masse preisgeben. Und doch gibt es inmitten dieser unbekannten Leserschaft so etwas wie einen Freund: Frank Warren, der Sammler der schönsten, traurigsten, lustigsten, absurdesten, bewegendsten und gefährlichsten Geheimnisse…
„I married someone who I don’t love just because I wanted to wear the dress“, „Three years ago I tried to kill myself. Now I’m 18 years old and people say I’m happy. But I still want to die“, „When my roommates aren’t around, I look through their cameras and delete the pictures I look bad in“. Frank Warren hat bereits tausende solcher anonymen Geständnisse aus seinem Briefkasten gefischt. Die Rolle als international bekannter Beichtvater hat der 44-jährige US-Amerikaner aus Maryland einem Kunstprojekt namens „Post Secret“ zu verdanken. Geboren wurde das Projekt auf einer Kunstausstellung in Washington im Jahr 2005. Damals verteilte Warren leere Postkarten an die Besucher. Die darauf beschriebene Idee war so simpel wie neu. Der 44-Jährige forderte die Menschen dazu auf, per Postkarte ein Geheimnis preiszugeben, anonym. Voraussetzung: „Es muss nur wahr sein und Sie dürfen es noch niemandem zuvor erzählt haben.“
Inzwischen hat Warren mit dieser Aufforderung eine ganze Postkarten-Lawine losgetreten. Bis zu 1000 Kleinkunstwerke erreichen seinen Privatbriefkasten in Maryland pro Woche. Von sexuellen Vorlieben und Sehnsüchten bis hin zu begangenen Verbrechen und Selbstmordgedanken schreiben sich die anonymen Absender alles Mögliche von der Seele. Mittels künstlerisch gestalteten Postkarten brechen sie ihr Schweigen. In wie weit dabei jeder die Vorgabe, es müsse sich um ein wahres Geheimnis handeln, auch wirklich Ernst nimmt, sei dahin gestellt. Doch ob die Mutter nach dem „Schluck-Geständnis“ ihrer Tochter nun gefragt hat, wie Sperma schmeckt oder nicht – das tut dem Zauber von „Post Secret“ keinen Abbruch.
Post Secret ist ein Projekt, das bewegt. Vier Bücher mit gesammelten Werken wurden bereits veröffentlicht. Der zugehörige Blog wurde sechs Mal ausgezeichnet und gehört zu den populärsten weltweit. Jeden Sonntag wird die Seite aktualisiert, ein Archiv gibt es leider nicht. Die Einnahmen aus Warrens Projekt fließen in die Suizidpräventionsaktion Hopeline.
Inzwischen gibt es international vier weitere Post-Secret-Blogs, auf denen Geheimnisse in der jeweiligen Landessprache veröffentlicht werden. Die deutsche Version ging vergangenen Monat an den Start und wird von Sebastian aus Tübingen geleitet. Dort findet sich auch das neuste anonyme Geheimnis aus Deuschland vom 22. März: „Ich habe Verständnis für Kiddies, die Amok laufen…Wenn der Druck zu viel wird…Ich verstehe das. Ich bin als Teenager nur deshalb nicht Amok gelaufen, weil ich keine Waffe hatte. In meiner Phantasie war ich eine kranke Killerin.“
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