Chrissi’s World

Die Invasion der Plastikfrüchte

April 17, 2009 · Kommentar schreiben

apfelDie Welt ist gemeingefährlich, ja geradezu mörderisch. Und nein, wir reden hier nicht von lapidaren Dingen wie der Weltwirtschaftkrise, irgendwelchen unbedeutenden Kriegen oder etwa kleinen Kindern, die irgendwo nichts zu essen bekommen. Nein, die Warnung, die heute die Öffentlichkeit erreichte, verursachte einen wahren Schrei des Entsetzens. Eine Nachricht, bei der sich jeder wünscht, es solle doch lieber Kröten regnen, das Ozonloch möge uns verschlingen oder die Sintflut unsere Häuser hinfortreißen – nur eben das nicht. Ja, die Katastrophe, die jetzt über uns hineinbricht, ist die wahre Bedrohung der Menschheit: Plastikfrüchte!

Welch unerwartete Wendung: Von Kindesbeinen an wurden uns süße Früchtchen als die Rettung unseres Vitaminhaushalts verkauft. Und weil „Nimm2″ und andere Vertreter der Süßwarenindustrie uns erklärten, dass sie den Vitamingehalt eines ganzen Obstsalates in ein einziges Bonbon pressen können, haben wir eifrig gegen unseren gesundheitlichen Verfall angelutscht. Natürlich haben wir uns immer gefragt, wie die das machen und kamen zu dem Schluss, dass diese übersinnliche Gabe nichts außer unserer größten Bewunderung verdiente:  Während mancher Bauer noch immer rätselte, wie er am besten 600 Hühner in einer Legebatterie verstaut, haben „Nimm2″ & Co. es geschafft, dass so viele kleine knuffige Vitamine sich in einem kleinen Bonbon vereinen, ohne Streit, ohne dass Vitamin A dem Vitamin B ein Auge aushackt. Der Erfolg gab ihnen Recht: Wir wurden immer dicker und dass das ein Zeichen bester körperlicher Konstitution ist , wusste schließlich schon die Hexe bei Hänsel und Gretel.

Nun soll all das, was wir zu wissen glaubten, plötzlich wie ein Kartenhaus zusammenbrechen, uns den Boden unter den Füßen wegreißen – oder besser gesagt die Vitamine unter den Zähnen. Das wollige Fruchtgefühl weicht der nackten Angst. Es ist die Panik vor den Illuminaten der Obstabteilung.“Wir sind unter euch“, flüstern die perfekt getarnten Plastikorangen und Kunststoffbananen mit gehässiger Stimme. Doch sie wurden entlarvt – diese schwarzen Schafe unter den bunten Fruchtlämmern. Verkleidet als Riesenkiwis und menschengroße Wassermelonen haben sich die Mitarbeiter des Mainzer Verbraucherschutzministeriums in die Supermärkte der Nation geschlichen, sich dort unter die Obstauslage gemischt, um das Obst und Gemüse auszufragen, wie Günter Wallraff einst die BILD-Mitarbeiter. Ihre Skandal-Story haben sie sofort an sämtliche Presseagenturen rausgeschickt, mit folgender schockierenden Warnung: „Dekorationsartikel aus Kunststoff sehen echten Früchten zum Verwechseln ähnlich. Dieses Möchte-Gern-Obst hat es vor allem auf unsere Kleinsten abgesehen, weil die eben noch nicht so gut sehen können. Indem sie ihnen zurufen ‚Ich schmecke wie Schokolade, bin aber gesund wie der Spinat, den du bei Mama nicht essen willst’, verführen sie Halbwüchsige zum Zubeißen – damit wollen sie deren kleine Mägen, Luft- und Speiseröhren später zum Platzen bringen.“

Eltern sind entsetzt, ein lautes Raunen geht durch ihre Reihen. Gerade noch wollten sie sich darüber aufregen, dass die Sozis die Bürger gerade mal wieder ganz unsozial verarschen wollen – 300 Euro für den Verzicht auf jene Steuererklärung, mit der man sich hätte um die 1000 Euro zurückholen können. „Die spinnen doch, die Säcke! Für wie blöd halten die uns eigentlich? Um Bürokratie einzusparen? Dass ich nicht lache! Alles was die einsparen wollen, ist mein Geld!“, schrie Vater Herbert gerade noch aufgebracht. Auch Mama Cindy aus Dresden wollte eben noch einen Drohbrief an die CDU-Zentrale schicken, weil die  den Solidaritätszuschlag abschaffen wollen. Doch Cindy und Herbert haben nun Wichtigeres zu tun. Sie sind sich einig: Sperrt die Kinder in den Keller – dort wo sie sicher sind vor diesen gemeingefährlichen Plastikfrüchten!

Mit ihrer Sorge sind sie nicht alleine. Die Milchbauern haben ihre Streiks gegen sinkende Milchpreise niedergelegt und sich ab sofort der Rettung der Kinder verschrieben. Wer sonst würde die ganze Schokomilch trinken, tausende Kinderriegel mit den unzähligen darin verarbeiteten Litern Milch verschlingen? Ja, wenn das Plastikobst über den Nachwuchs siegt, dann siegt es auch über die Milchbauern. Demonstriert wird jetzt an anderer Stelle: Der Verein für Kinderschänder und Pädofile (VKP) ruft zur Gegenwehr auf. Nach der Sperrung der Kinderporno-Seiten könnte es nun passieren, dass die heranwachsenden Zweibeiner auch in freier Wildbahn vom Aussterben bedroht sind. „Plastikfrüchte töten Früchte der Versuchung“, steht auf den Transparenten des VKP.

Die Mainzer Verbraucherschutzzentrale hat inzwischen eine neue Pressemitteilung rausgegeben: „Achtung: Pädofile Demonstranten sehen aufgebrachten Milchbauern zum Verwechseln ähnlich. Sie haben es vor allem auf unsere Kleinsten abgesehen. PS: Über Steine kann man stolpern, Zungenküsse mit einer Inlandtaipan können tödlich enden und Traubenzucker sieht Kokain zum Verwechseln ähnlich – lassen Sie sich von Ihrem Dealer nicht hinters Licht führen!“

Bildquelle: photocase

Kategorien: Satire
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