30 Mal drücken, zwei Mal pusten, 30 Mal drücken, zwei Mal pusten…So war das doch mit der Reanimation, oder? Ja, dieser Blog lebt! Zugegebenermaßen machte er lange einen äußerst schwächelnden Eindruck, Wachkoma sozusagen. Aber als geübte Hobbykrankenschwester werde ich auch in diesem Fall meine Bestes geben, um den Patienten wieder auf die Beine zu bringen. Erster Schritt nach der Reanimation: Gesprächstherapie zur Verarbeitung des Erlebten. Bereit für einen Tauchgang in die letzten 30 Tage, die Abgründe der Welt – der von Chrissi’s World? Episode 1: Wie Obama die Welt verändert …
1. Wie Obama die Welt verändert und warum wir einem gutaussehenden Präsidenten alles glauben
Er lächelt, wie es sonst nur Perlweiß-Werbemodels können. Seine Stimme klingt so sanft und überzeugend, wie die des Wolfes, der vorab ein Kilo Kreide verspeist hat, um die kleinen Geißlein zu täuschen. Er hält Ex-KZ-Häftlingen die Hand, steht dazu, wenn er einen Fehler gemacht hat und hat für jeden Anlass den passenden Gesichtsausdruck und die richtigen Worte noch dazu. Sogar witzig ist er. Ja, es fällt verdammt schwer, diesen Mann nicht irgendwie zu mögen: Barack Obama. Selbst die von Herzen aus eher misstrauischen Ossis haben vor ein paar Tagen vor laufender Kamera in Dresden bekannt: „Nee dän Busch, doar wussde moar ja gor nisch, dän gonndisch joah nie rischdisch leiden, oar där Obama – där gonn die Weld verännern!“
Und ein kleines Stück hat er die Welt tatsächlich schon jetzt verändert. Diese Welt begann für mich vor wenigen Wochen am New Yorker Flughafen JFK. Nicht nur der Präsident, auch die Männer an der Passkontrolle scheinen nun jünger, besser aussehend und netter zu sein. Statt einem grimmigen „Put your finger there!“ gab’s diesmal ein „Hey, how are you? So what do u do for living? Oh you’re a student? Journalism? Oh, so you’re only gonna write good things about the US, right?!“ Erster Gedanke: Netter Small-Talk. Zweiter Gedanke: Vorsicht! Umso mehr der uniformierte Mann hinter der Glasscheibe sagte, desto mehr überkam mich – genauso wie im Fall von Obama – so ein eigenartiges Gefühl, dass ich weich gekocht, um den Finger gewickelt werden sollte, um einer schönen Atrappe auf den Leim zu gehen. Ganz beiläufig wurde ich aufgefordert, meine komplette Hand auf den Scanner zu legen. „The whole hand? It’s only been one finger the last time I’ve been here. How come?“, fragte ich. „For your own safety“, sagte er. Natürlich! Wie konnte ich das nur vergessen? Sagen sie das nicht alle? Alles – alle Kriege, jegliche Datenspionage, Antisemitismus – alles zu unserer eigenen Sicherheit. Das dürfte inzwischen jedes Kind begriffen haben. Die da oben wollen doch immer nur alles zu unserem Besten. Klar!
Das war also eigentlich der Punkt, an dem ich hätte den Rand halten und nett nicken sollen. Doch mein vorlautes Mundwerk machte mir mal wieder einen Strich durch die Rechnung. „For my own safety? C’mon!“, rutschte es mir raus. Nach einem verdutzten Gesichtsausdruck, erklärte mir der junge Beamte wohlwollend, dass ich mit dem Abdruck meiner kompletten Hand nun auch fast genauso komplett vor Passbetrügern geschützt sei. „If someone steals your passport, we got all your fingers – no one can fake that. We will catch them.“ Und schwups, da war es: Ein weiteres „C’mon!“ entwich meinen Lippen. „My informations are only interesting for you once I enter the states – else u don’t give a damn. You don’t check anyone who leaves – so my passport would be gone anyways.“ Die Augen des Passkontrolleurs wurden immer größer und doch wich dieses eigenartige zuvorkommende Lächeln nicht von seinem Gesicht. „Well yeah we don’t really check on people who leave but if something happens and we have a weird feeling, we will check and catch someone who stole your passport.“ Ok, machte das jetzt Sinn? Wäre das ein Verkaufsgespräch gewesen, hätte ich wohl spätestens hier gemerkt, dass da jemand versuchte, mir eine Mogelpackung anzudrehen. Aber darüber schaute ich in diesem Fall wohlwollend hinweg. Eine Wahl hatte ich ohnehin nicht. „Uhm ok. So where will my data be saved? Only here?“, fragte ich. „Yeah well that’s what they say“, antwortete der Beamte. Das „Oh well they’ve been telling so much bullshit already“, verkniff ich mir dann doch – schließlich wollte ich weder einen Sondervermerk á la „besonders nervige und zu neugierige deutsche Göre“ in meiner „US-Akte“, noch wollte ich den wartenden Touristen hinter mir den letzten Nerv rauben.
Aber ja: Obama hat die Welt verändert. Kommt die Welt nach Amerika, nimmt er nicht mehr nur den kleinen Finger, sondern gleich die ganze Hand. Andersrum läuft es umgekehrt. Kommt Amerika – sprich Obama – in die Welt, muss der kleine Finger reichen. Friedensangebote an die islamische Welt. Viel – zugegebenermaßen schönes – Blabla. Doch wo bleiben die konkreten Handlungsvorschläge, wo ist die ganze Hand? Die Palästinenser sollen ihren eigenen Staat bekommen? Bravo, Mister President! Dass wir da nicht alle gleich drauf gekommen sind! Welch bahnbrechender Vorschlag! Und dann? Dann sind alle vorherrschenden Probleme aus der Welt geräumt, nur weil der amerikanische Präsident plötzlich auch findet, dass es eine Zwei-Staaten-Lösung braucht, bei der der Eine den Anderen anerkennt? Komisch – bevor er das offen ausgesprochen hat, wollte das trotzdem nie funktionieren. Oder war das einfach nur die Strategie „Wenn ich beiden ein bißchen auf den Schlips trete, fühlt sich niemand ungerecht behandelt oder bevorzugt“? Stopp des Siedlungsbaus vs. Anerkennung Israels, Stopp der Gewalt vs. Palästinenserstaat?
Was sollen wir nun von dieser neuen Freundlichkeit, dem neuen Umgangston, dem neuen Kurs halten, wenn Amerika in die Welt kommt und die Welt nach Amerika? Sind das wirklich alles nur gute Absichten, deren Umsetzung noch zu wünschen übrig lässt? Guantanomo-Häftlinge, die frei gelassen werden sollen, doch niemand will sie haben. Frieden im Nahen Osten, doch niemand will einlenken. Meine Fingerabdrücke für meine eigene Sicherheit, obwohl bei der Ausreise ohnehin niemand kontrolliert. Mehr Transparenz, aber die Fotos aus Abu Ghraib werden zurückgehalten. Glaubt das jemand? Aber ja: Er ist ja so jung, gutaussehend und sympathisch, nicht wahr?! Und de Weld verännern wirddär, haddar joah schon!
6 Antworten bis hierher ↓
thearcadier // Juni 8, 2009 um 11:31 |
Oh, ein Artikel. welch Überraschung!
Was Obama angeht: ich war schon letztes Jahr – als so ziemlich jeder Mann und jede Frau Schnappatmung bekam, sobald Obama irgendwo zu sehen war – irgendwie skeptisch. Er wirkte charismatisch, eloquent und freundlich. Als ich mir dann das Buch Hoffnung wagen gekauft habe, wurde mir klar, dass er durchaus das ist, was man gemeinhin als Hardliner bezeichnet. Nur mit dem Unterschied zu Bush, dass er die Welt nicht mal eben auf dem Reißbrett in Gut und Böse einteilt (wir alle erinnern uns nach an die Achse des Bösen), sondern davon ausgeht, dass es überall auf der Welt Menschen gibt, mit denen man reden kann und eben solche, die man nur bekämpfen kann. Besonders deutlich wurde das mal wieder während seiner Rede in Kairo. Man kann von Obama eben keinen Gut-Bonus erwarten, nur weil man den richtigen Glauben hat. Mir persönlich gefällt die Linie. Leider wird sie von vielen (nicht von Dir) als Kuschelkurs gegenüber Terroristen gesehen, was mich immer irgendwie ärgert.
Dieser Amerika-Hass in den Kommentarsektionen der Online-Portale ist schon echt zum Kotzen. Andererseits sind da eh nur Deppen unterwegs.
Lassen wir ihn mal machen. Das dürfte interesant werden.
sassy // Juni 8, 2009 um 7:39 |
ich sachs ja wirklich ungern…aber ich musste nur den einen finger drauf legen:-)
chrissi2411 // Juni 8, 2009 um 8:20 |
watt? du warst direkt hinter mir – das kann doch jar nicht sein! bist du dir sicher, dass du dich da nicht an den vorletzten besuch erinnerst? klar – der handballen war nicht mit drauf, aber alle finger ….deswegen hat der mich doch auch so lange ‘aufgeklärt’….was hat er dir denn erzählt, was ich mit dem diskuttiert hab?
Captain // Juni 9, 2009 um 5:46 |
Ach, da fällt schon der Handballen weg … wenn man weiter nachfragt, vllt noch mehr?
chrissi // Juni 9, 2009 um 7:18 |
hier fällt gar nichts weg – außer der überzeugung, dass die homeland security besseres zu tun haben sollte, als kleine deutsche touristen zu verschaukeln. ich habe da definitiv die ganze hand drauf gepackt. es gäbe auch keinerlei grund, sich sowas auszudenken. zumindest fällt mir keiner ein.
dass die da natürlich keinen scanner in der größe eines kirchenfensters stehen haben, auf den der komplette arm darufpasst, sollte klar sein. und ja – der komplette handballen passte auch nicht mit drauf. wusste nicht, dass diese details so wichtig sind. aber diese ergänzung habe ich hier für dich, captain, natürlich gerne nochmal ausdrücklich hinzugefügt.
Captain // Juni 10, 2009 um 9:38 |
Fühle ich mich jetzt geehrt
Aber dieser Kontroll-Wahn war einer der Gründe, warum ich in den letzten 5 Jahren nicht mehr hingeflogen bin. Aber nöächstes Jahr im April ist es wohl wieder so weit … Und wenn ich so frech wär wie du, sitz ich bestimmt im nächsten Flieger zurück nach Deutschland … aber naja …
Aber dem Beamten musste eins zu gute halten.. er hat immerhin gesagt „Well, thats what they say“ … und nicht, „Of course, your data will be saved only here.“
Deine Kritik an Obama ist teilweise berechtigt, aber an manchen Stellen übertrieben und auch unangebracht.
Zum ersten Hat Obama nie behauptet, er wäre der erste, der eine Zwei-Staaten-Lösung vorschlägt. Nun, wo er an der Macht ist, arbeitet er immerhin (so wie es scheint) auf solch eine Lösung hin und er hat zudem nie behauptet, dass das alle Probleme Lösen würde. Aber das ist ein Anfang. Und die Sicherheitsvorschriften stammen aus der Bush-Ära …
Aber Obama ist am Ende auch nur ein amerikanischer Präsident, der wohl genauso selbstherrlich ist, wie Bush, und die selben Ziele versucht zu erreichen, blos auf einem anderen Weg. Ich traue ihm erst, wenn ich sein gehirn scannen darf